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Forscherteam Gewalt in oberösterreichischen Caritas-Heimen historisch aufgearbeitet

Unabhängiges Forscherteam präsentierte 500-Seiten-Arbeit in Linz. Bisher sind 334 Betroffene bekannt.

© michaklootwijk - Fotolia
 

Die Caritas Oberösterreich hat durch ein unabhängiges Forscherteam die jahrzehntelange, strukturelle Gewalt an und unter Zöglingen in ihren Heimen historisch aufarbeiten lassen. Herausgekommen ist eine sozialhistorische Studie im Umfang von über 500 Seiten, welche unter anderem in mehr als 120 Interviews mit ehemaligen Heimkindern, Erziehern und Verantwortungsträgern die Vorgänge beleuchtete.

Der Bericht der vierköpfigen Forscher-Gruppe wurde am Freitag im Linzer Ursulinenhof von Caritas OÖ-Direktor Franz Kehrer und Diözesanbischof Manfred Scheuer im Beisein der Experten präsentiert. 2016 hatten die umfangreichen Recherchen der Vier begonnen. Universitätsprofesser Michael John vom Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler-Universität Linz, die Historikerin Marion Wisinger, Angela Wegscheider vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes Kepler Universität Linz und die Leiterin des Bezirksgerichtes Döbling (Wien), Barbara Helige, wurden mit der Erstellung der Studie "Verantwortung und Aufarbeitung. Untersuchung über Gründe und Bedingungen von Gewalt in Einrichtungen der Caritas OÖ nach 1945" beauftragt.

Im Fokus der Arbeit standen die Vorgänge im ehemalige Erziehungsheim Steyr-Gleink, das 2009 geschlossen wurde, das ehemalige Schülerheim in Windischgarsten, welches von 1954 bis zur Schließung 1985 von der Caritas geführt worden war, sowie die noch immer aktiven Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, St. Pius und St. Isidor.

"Multifunktionales Versagen"

Im Erziehungsheim Steyr-Gleink ortete die Historikerin Wisinger ein "multifunktionales Versagen" der Verantwortlichen von Caritas, dem Orden der Herz Jesu Missionare, der das Heim bis 1989 führte und den zuständigen Landesbehörden. Die "obere Leitungsebene" habe trotz zahlreicher Hinweise weggesehen. Bis Ende der 1970er-Jahre habe ein System von psychischer und physischer Gewalt sowie des sexuellen Missbrauchs geherrscht. "Beschwerden zeigten, dass die Kinder im Anfangsjahrzehnt zu wenig zu essen bekamen, Kollektivstrafen verhängt wurden und die Kinder beispielsweise im Winter im Freien Strafe stehen mussten", sagte Studienleiter Michael John.

Ein anderes Problem stellte bis in die 1980er Jahre die fehlende Ausbildung der Erzieher dar, wie Wegscheider in den Einrichtungen St. Pius und St. Isidor herausfand. Zudem betreffe es dort aber auch nur einen kleinen Teil der Angestellten, über welche es Beschwerden gegeben habe. Ab den 1990er-Jahren wurden in beiden Institutionen grundlegende Reformen durchgeführt. Heute gebe es zudem laufend Kontrollen von externen und unabhängigen Stellen.

"Der Verantwortung stellen"

"Wir wollen uns damit unserer Verantwortung stellen und mit der Studie darauf hinwirken, dass sie nicht in Vergessenheit gerät und uns Mahnung für die Zukunft ist", begründete Caritas-Direktor Kehrer den Auftrag zur Studie. Laut Caritas hätten sich bei der diözesanen Ombudsstelle gegen Missbrauch und Gewalt bisher 334 Personen gemeldet, die angaben, Opfer von Gewalt in Einrichtungen der Caritas OÖ geworden zu sein. 290 davon waren alleine im ehemaligen Erziehungsheim Steyr-Gleink untergebracht. Die meisten der gemeldeten Vorfälle ereigneten sich bis Ende der 1980er-Jahre.

Sowohl OÖ-Caritas-Direktor Kehrer als auch der Linzer Bischof Scheuer zeigten sich betroffen vom Ausmaß der Gewalt. "Die Schilderungen (...) sind erschütternd", sagte Kehrer. "Auch, wenn es kein Leid ungeschehen machen kann, so bitte ich die Betroffenen von Gewalt in Einrichtungen der Caritas (...) aus tiefem Herzen um Entschuldigung für das Handeln kirchlicher Mitarbeiter in der Vergangenheit", meinte Scheuer.