Sieben KontrollstellenCheckpoint Hermagor - das schönste Freiluftgefängnis des südlichsten Landes

Der Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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© Kleine Zeitung
 

Guten Morgen!

Ich habe gedacht, Checkpoints, das gibt es nur im alten, geteilten Berlin. Jetzt gibt es sie - nach der Wahl, eh klar - auch in Hermagor, meinem Heimatbezirk. Sieben Kontrollstellen machen ihn ab Dienstag zu einem kleinen Arbeiter- und Bauernstaat, okay, quasi halt. So viele Möglichkeiten gibt es, dem Bezirk mit der Rekord-Inzidenz motorisiert zu entfliehen, jetzt nur mit negativem Antigen-Test, nicht ranziger als 48 Stunden. So lange dauert ein Moment und eine Aufnahme im Tal. Es ist entschleunigte slow food-Gegend, breit und gut zum Atmen, die Gletscher waren gründlich, man kommt nicht mit Atemnot auf die Welt wie in den hochgeschossenen Tälern Nordtirols. Italien, Frigga, Pontebba und Polenta riechen drüber über den Bergkamm der Karnischen, die Zypressen sind eine gute Autostunde entfernt, auch das half in jungen Jahren, als man sich hinausträumte, an den Checkpoints der Kindheit vorbei. Übrigens: Hermagor passiert einem nicht. Man muss sich bei der Abfahrt auf der A 2 Richtung Udine bei vollem Bewusstsein für Orte wie Nötsch oder St. Pauler Bichl entscheiden und gegen die Zypressen und die Duineser Bucht. Das erfordert Entschlossenheit.
 
Ich verrate Ihnen jetzt meine polizeilichen Lieblingscheckpoints, take it or leave it: Einer befindet sich in Maria Luggau, wenn Sie übers Lesachtal türmen wollen. Es gibt nicht Schöneres, der Protestant räumt es kleinlaut ein. Jahrzehntelang haben die Leute dort, an den steilen Berghängen unter den Zugseilen, mit den Großkopferten unten in der Landeshauptstadt gehadert: dass sie bei der Erschließung in den 70ern auf das Tal vergessen hätten, dass man nichts bauen haben dürfen wie anderswo, am liebsten hätten die Großkopferten gehabt, dass das Tal mit lauter Wald zuwachse, das wäre  irgendwann auch geschehen. So polterten sie im Tal der tausend Gräben und des widerständigen Katholizismus, wo der Braunauer die wenigsten manipulierten Stimmen erhielt. Dann plötzlich war das vom Fortschritt übersehene Tal die Avantgarde der Umweltbewegten. Weil es unverbaut blieb, wurde es als Europas Naturjuwel rauf- und runterdekoriert, und die Leute wussten nicht, wie ihnen geschah. Diesen Checkpoint dürfen Sie nicht auslassen, vergessen Sie ja nicht, beim Raustesten ein Stück vom Lesachtaler Lamm für den Ostersonntag mitzunehmen. Sie kriegen es sonst nur auf dem Teller beim besten Koch im eingeschlossenen Bezirk, beim Bärenwirt von Manuel und Claudia Ressi in Hermagor.
 
Schön und einen Antigen-Test wert ist die Fahrt hinaus aus dem Bezirk auch über das Gitschtal. Sie kommen von dort ins benachbarte Drautal, vorbei am Kurort Weißbriach, wo der Abfahrer mit den zwei Vornamen, der Werner Franz, daheim ist, und vorbei am Weissensee, wo Qualitätsbewusstsein und das Unverbaute einen grandiosen Bund eingegangen sind. Beides, das Lesachtal und das Gitschtal, sind anspruchsvolle Schleichrouten für echte Kenner und Könner. Vergleichsweise schlicht hingegen ist die Flucht über die Bezirksstadt Hermagor und die Gailtal Bundesstraße, die mit der dazugehörigen Zahl so ähnlich klingt wie eine Mutante, und die im Morgengrauen mit lauter weißen Kästenwägen verstopft ist, die zu den fernen Baustellen unterwegs sind, die es im Tal nicht mehr gibt, sondern erst ab Villach oder Klagenfurt, dort, wo die Welt, von Hermagor aus betrachtet, groß und weit genannt wird.
 
Im Tal fährt kein Zug mehr. Zusteigen kann man erst wieder ab Hermagor. Das kleine Städtchen ist Anfang und Ende für Aufbruch und Ankunft. Es hat auf den Autos, Studentenautos auf dem Weg nach Graz, das Kennzeichen HE, beim Überholen schaut man riskant und heimatverbunden, wer am Steuer sitzt. Es gibt in HE einen Bahnhof, eine Gailtal-Klinik, ein Lagerhaus und an jeder Ecke mittelhübsche Diskonter, die im Sommer von den Campingurlaubern am nahen Pressegger See belagert werden, und die die Greißler im Tal, wo man früher mit kurzer Lederhose aufschreiben ließ, für immer ausradiert haben.
 
Hotel findet sich keines mehr in der kleinen Stadt, wo niemand Kontaktpersonen angibt, um Unannehmlichkeiten im Job oder in der Familie zu vermeiden. Das Widerständige aus den späten 30er Jahren ist selbstbezogen geworden. Beim Semmelrock, im besten Cafe, mitten in der Haarnadelkurve, machen die Biker aus der Außenwelt Halt, konsumieren wenig und radeln weiter. Der Stolz, der blieb, ist das menschenleere, aussaisonierte Nassfeld, wo die arbeitslosen rumänischen Schihüttenhackler ihre Autos zu verkaufen beginnen, der Gailtaler Speck und Armin Assinger. Wer Genaueres erfahren will, möge Engelbert Obernosterers kluge Notizenbücher über die Umbrüche im Tal lesen oder Ingeborg Bachmanns Kriegstagebuch. Darin schildert die kaum 20-Jährige, wie sie sich als junge, aufsässige Sommergailtalerin einen englischen Besatzungssoldaten angelte und mit ihm Arm in Arm demonstrativ durch das restnazistische Nachkriegshermagor flanierte, aus Protest und purer Lebenslust.
 
Es gibt viele gute Gründe, sich in das südlichste Tal und schönste Freiluftgefängnis des Landes hinein- und wieder hinauszutesten, wenn nicht jetzt, dann später vielleicht, im neuen Leben.
 
Einen schönen Tag wünscht

Kommentare (5)
elloco1970
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Nomen es omen....

ein LH ist immer Kaiser,net nur in Kärnten......aber die Abriegelung wie in Tirol hinauszuzögern ist gelinde gessgt eine Frechheit...wiederhole mich eine Pandemie ist ein kriegsähnlicher Zustand wo es gilt zentral aus Wien Entscheidungen zuvtreffen...aus basta!!! Es kann in diesem Fall keinen Föderalismus geben....quasi nach dem Motto 9 x mir san mir.......Xsund bleiben.....

Elfi0407
1
15
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Hermagor

Da sieht man es wieder, erst absolut an keine Maßnahmen halten das die Zahlen explodieren, aber jetzt wollen sie durch geipmpft werden. Das ist an Frechheit nicht mehr zu überbieten wenn ich nur an den "schönsten Wirten" und seine Ansagen denke. Die sind dann eh für eine zeitlang immunisiert sagt man wer Corona hatte, qas muss man da dann alle sofort durch impfen, haben sie davor an die gedacht die sich an alle Maßnahmen halten? Wegen denen wir immer länger eine geschlossene Gastronomie haben privat uns noch länger an die Maßnahmen halten dürfen, all das für ignoranten. Die sollen schön warten und genau in der Reihenfolge auch die Impfungen erhalten wir der rest Österreichs.

elloco1970
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Hr. Patterer

Vorzüglich geschrieben.....👍👍 es grüßt es leidenschaftlicher Skifahrer der sich am Sonntag aus G nochmals aufs Nassfeld schwingen wird. Test natürlich eingeschlossen ...Xsund bleiben

Laser19
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Was Hr. Patterer noch vergisst

ist die Bauernschläue der Hermagorer Bevölkerung. Sie hat am schnellsten kapiert wie man seinen Landeshauptmann leimt und zu schnelleren Impfungen kommt.

crawler
6
5
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Das sehe ich nicht so.

Für mich ist das eher eine medienwirksame Ablenkung von seinen Schwächen in Sachen Corona.