Kolumne Valerie Fritsch: Fernrohr der Träumer

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Anfang Jänner kommt der Mensch nicht umhin, an die Zukunft zu denken, wenn er auf die vollen Kalenderseiten des alten und die leeren des neuen Jahres schaut. Weil man aber Vorsätze mitunter leicht mit Vorhersagen verwechselt, sich das Noch-Ungeschehene manchmal schwer erdenken kann, und die Verantwortung für Prophezeiungen gerne auslagert, greift man fröhlich zu allen abergläubischen Hilfsmitteln, die die Gegenwart einem in die Hand gibt.

Ich mag die Orakelei, gerade weil ich nicht dran glaube. Denn dass die Welt das Kommende in einem obszön geformten Stück Metall oder am Grunde einer Kaffeetasse veröffentlicht, sozusagen auf Alltagsgegenständen das ganze Schicksal anschlägt, einen lockt und einem droht mit seinen Zeichen, ist ein poetischer Gedanke. Und so kommt es, dass ich zu jedem Silvester Blei gieße, konzentriert und unvermindert gespannt auf das Ergebnis –auch wenn die Umstehenden stets doch nur ein Spermium in allen Figuren erkennen wollen, und nur der Abwechslung wegen goss ich einmal einen riesigen Bison, flach wie ein Stück Papier, weil es an die Topfwand gekracht war, ein anderes Mal einen einwandfreien Staubsauger, über dessen Bedeutung man sich auch nach aufgeregten Diskussionen nicht einig werden konnte. Die Ankündigungen des Universums richtig zu deuten ist nicht immer einfach, und weil sich das Blei überdies als giftig herausgestellt hat, wurde diese Form der Zukunft verboten, und meine Weissagungen basieren längst auf illegal gehorteten Glücksbringersets aus der Vergangenheit.

Mit dem angebotenen Ersatz aus Wachs kann ich mich nicht anfreunden, muss ein richtiges Omen doch gewichtig, unnachgiebig, störrisch, ein wenig gefährlich sein, damit man es ernst oder lustig nehmen kann, und darf einem nicht in der Hitze der Welt wieder davonschmelzen.
Im Alltag kann es geschehen, dass meine Großmutter – das Tageshoroskop in der Hand, die Brille auf der Nase – anruft, um besorgt in Erfahrung zu bringen, ob es um die Liebe tatsächlich so schlecht bestellt sei, die Gesundheit wirklich so sehr unter der Mondphase leide, und meine Finanzen bald so schlimm im Chaos versänken, wie es in der Zeitung steht. Dann sage ich stets, dass die Prophezeiungen am Leben immer versagen und wir lachen beruhigt.

Schon der Dichter Paul Valéry schrieb ja: „Manchmal gibt es nichts Betrüblicheres, als zu sehen, wie die Voraussagen, die man gemacht hatte, sich erfüllen – dies ist eine Art Demonstration, wie armselig das Mögliche ist.“ Da möchte ich es aus Prinzip immer mehr mit dem Unmöglichen halten, von dem ich glauben will, dass es manchmal nur das Unversuchte ist. Und mit dem Fernrohr der Träumer nach vorn schauen. Aus Erfahrung kann ich auch berichten, dass ein Horoskop manchmal zur falschen Zeit kommt: Als vor ein paar Jahren ein Familienmitglied ein Lebenskosmogramm für eine hochbetagte Tante jenseits der 90 als Geburtstagsgeschenk erwählte, war die Freude – und die Vorhersage – enden wollend.

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