Kolumne Valerie Fritsch: Vanillekipferln und Vergängliches

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

In den Adventtagen, die bis zur Besinnungslosigkeit vollgestopft sind mit Erledigungen, Verspätungen, Kraftakten und Malheuren aller Art, damit das schwere Jahr schließlich einfach davonplatzt und einem neuen Raum gibt, wird – um dem Jahr in nichts nachzustehen – gebacken. Jede Familie hat ihre ureigenen, gut gehüteten Rezepte, fixe Ideen und kleine Traditionen fürs große Backwerk. Während andere sich feinsinnigen Patisseriekünsten hingeben, eine Auswahl erlesener Süßwaren produzieren, hauchdünne Plätzchen mit Zuckerguss besticken, geht es in meiner vor allem um Ästhetikfragen der besonderen Art.

Beim familiären Keksebacken herrscht in der Küche das Gesetz der Schönheit, das unbedingt ist, und besagt: Die Hässlichen müssen sofort gegessen werden. So kommt es, dass es kaum ein Zimtstern oder Kokosbusserl je in die blecherne Weihnachtsdose schafft, denn stets erhöht jemand auf den letzten Zentimetern die Qualitätsstandards, findet einen Makel, und verspeist die angeblich Misslungenen im Namen des Ebenmaßes. Drum ist das Vanillekipferl der Inbegriff der Vergänglichkeit, das ephemerste aller Gebäcke: Kaum ist es da, ist es schon wieder verschwunden. Während manche wahrlich monströs sind, wie man mit freiem Auge erkennen kann, wird auch jedes nur ein bisschen schiefe, ein wenig unförmige, sich in abstrakter Gefahr der Zerbröselung befindliche zur Sicherheit aus dem Verkehr gezogen, und jeder verrutschte Zuckerpartikel kann sein Verzehrurteil sein. Es handelt sich also um eine wenig nachhaltige, aber äußerst vergnügliche Tradition, in der auch Kinder gerne mit dem Finger auf das Keks ihrer Träume zeigen und voll Entzücken ausrufen: Du bist schirch!, bevor sie es beglückt in den Mund stecken.

Gerade das Missratene, Fehlerhafte und Unerfolgreiche schenken einem mitunter ein Lachen, und nur die Rumkugel kann im Vanitasmotiv der Weihnachtsbäckerei Probleme bereiten – aber dass das Hässliche auf der Welt für so manchen Rausch sorgt, darf einen nun auch nicht überraschen. Der Vorzug der Vergänglichkeit ist, dass sie einem ein Ende, und damit eine Erlösung aus einer gegenwärtigen Situation verspricht, ein Versprechen, mit dem man je nach Befinden auch sympathisieren kann.

Kürzlich bin ich passend dazu auf einen wunderschönen Cartoon von Hilary B. Price gestoßen, in dem zwei Figuren demonstrieren: Während die eine ein Schild hochhält, auf dem steht: „The end is near“, ist auf dem anderen zu lesen: „This will never end“ und der Träger der zweiten Botschaft ruft erbost: „Your optimism digusts me.“
So machen einem jeden Menschen die Veränderungen oder im Gegenteil ihr Ausbleiben auf ureigene Art und Weise Kummer. Nur auf das süße Memento mori der Vanillekipferln kann man sich nun in den kalten Feiertagen verlassen, zum Abschluss nimmt man sich ein Herz, verschlingt das Unschöne, und hofft, dass es nicht zu unverdaulich ist.

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