Kolumne Valerie Fritsch: An das Wilde glauben

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Manche Bücher verwandeln sich, kaum schlägt man sie auf, in eine offene Tür, durch die man in einen außergewöhnlichen Gedanken, und die Welt, die aus ihm erwächst wie aus einem Samen, tritt. Mag man auch über einige Buchstaben stolpern, durch das Portal des Textes legt man innerhalb von Sekunden große Entfernungen zurück, erreicht in kurzer Zeit eine Geschichte, eine Idee, eine Frage oder eine Antwort, der sich anzunähern ihren Schöpfer vielleicht Jahre oder gleich ein ganzes Leben auf die eine oder andere Art gekostet hat. Ein Buch aufzuschlagen ist der schnellste Weg, gleichzeitig zu verschwinden und schon irgendwo zu sein. Man trickst den Alltag aus, denn wer liest, wartet nicht, weder im Stau, noch an der Bushaltestelle, nicht auf die Zuspätkommenden.

In der letzten Woche habe ich zwei Bücher gelesen, die beide direkt ein Tor zu den – im Sinne des Wortes – wildesten Begebenheiten waren, von denen ich seit Längerem gehört habe. Und wie so oft, sind gerade die Geschichten, die man am wenigsten glauben kann, weil sie einem so enthoben scheinen, wahr. Werner Herzogs neue Erzählung berichtet in einem schmalen Band von der unverhandelbaren Starrköpfigkeit Herr Onodas, der als japanischer Soldat kurz vor Ende und Niederlage des Zweiten Weltkriegs auf einer Insel zurückgelassen wird, mit dem Befehl, fortan alleine einen Guerillakrieg zu führen und die Stellung zu halten, bis die Armee gestärkt für den endgültigen Sieg wiederkehren würde.

Herr Onoda tat wie ihm geheißen, war ein Mann, der alle Männer sein musste, und lebte fast 30 Jahre im Dschungel, wurde ein Geist in Uniform, ein Gespenst, das einen Krieg schlug, den es bald nicht mehr gab. Jeder Versuch, ihn vom Ende des Krieges, des Erlöschens seiner Aufgabe in Kenntnis zu setzen, schlug fehl, hielt er doch die ausgelegten Tageszeitungen, die in den Wald gebrüllten Durchsagen für besonders hinterhältige Tricks, ihn von seiner Mission abzubringen. Auf den eisernen Willen des Wahnsinns kann man sich verlassen, er flüstert einem beständig zu: Die kriegen mich nicht, und lässt einen das Unmögliche aushalten, das Extremste wollen. Manche Menschen scheinen für diese Unerbittlichkeit sich selbst und der Welt gegenüber gemacht.

Wie auch die französische Anthropologin Nastassja Martin, die in ihrem autobiographischen Buch von ihrem Kampf mit einem Bären in Kamtschatka schrieb, der ihr in den Kopf biss und einen Teil ihres Kiefers mit sich nahm, und dem sie sich fortan verbunden fühlte, weil das Tier und sie ineinander unauslöschliche Spuren hinterlassen hatten. Nicht nur das Überleben war ein Wunder, auch die Haltung und Einordnung der Überlebenden, das Nachdenken über das Animistische, das Archaische, Grenzen, Identität, die Natur. Ich habe das Buch staunend gelesen, bin durch es durchgetreten, und es stimmt, manchmal muss man tun, wie der Titel es sagt: An das Wilde glauben.

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