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Kolumne Valerie Fritsch: Die Bedeutung der Landschaft

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

In den letzten Tagen brach die Welt aus der Schale des Winters, taute auf, sonnte sich und schmolz sich frei, hielt sich an Jean Paul, der wusste: Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht. Unter der Winterlandschaft kam die Frühlingslandschaft hervor, die schon ahnen lässt, dass sie irgendwann einen lang ersehnten Sommer in sich birgt. Feuchte, blasse, niedergedrückte Wiesen, die auf Auferstehung warten, eine schlammige Erde, die einen leicht zu Fall bringt, erstes vorauseilendes Blühen in den lichtreichsten Ecken, auf das man gut achten muss, um es nicht mit einem falschen Schritt wieder auszulöschen und in den Boden zurückzudrängen. Die schneebedeckten Gipfel hoch oben werden ferner, und es fröstelt einen mit einem Mal weniger, wenn man einen Blick auf sie wirft.

Oft will mir scheinen, die Formen der Landschaften schlagen sich auf das Denken nieder, verändern die Formen der Gedanken, beeinflussen den Gedankengang, sodass es einem schlussendlich vorkommt: Man denkt und fühlt in jeder Gegend anders. Es ist, als wäre man durch unsichtbare Fäden mit Boden, Baum und Horizont verbunden, ohne sich darüber ganz und gar im Klaren zu sein. Je nach Geografie fallen einem neue Ideen zu und wenn das Glück oder das Unglück es will, hat man gelegentlich selbst eine unvermutete Erkenntnis, mit der man sich herumschlagen muss. Der Mensch ist ein Resonanzkörper und die Welt und ihre Geometrien hallen mitunter auf merkwürdige Art und Weise in ihm wider, stoßen mal eine Wehmut, mal eine Klarheit oder eine Freude an, die man sich nicht ganz erklären kann.

Es gibt Landstriche, die einem wohltun, und Orte, denen man sich gern entziehen möchte, in denen einem die eigenen Gedanken direktgehend unsympathisch werden. Ich bin mit meinem Denken am Meer gut aufgehoben, denn in der Unendlichkeit der Wasserlandschaften hat alles Platz, man kann weit über die Wellen sehen und weit ins Blaue vorausdenken, die Gedanken am Horizont sozusagen aufreihen und aus der Ferne streng betrachten. Das Meer kann helfen, kristalline Ordnung im Kopf herzustellen, und hat für mich etwas Heilsames, eine Schönheit, die zur Tröstlichkeit wird, und einen im Zweifelsfall doch zu verschlucken imstande ist. Die Berge hingegen sind mir bei aller Bewunderung oft suspekt, ihre Geschichten und ihre Erhabenheit scheinen mir mitunter bedrohlich und düster, und immer schütteln die anderen Gipfelstürmer über meine wilden Assoziationen den Kopf, nur der Kärntner Schriftsteller Josef Winkler verstand meine Berggedanken seit jeher, weil er alles Düstere versteht.

Auf Reisen sind es dann die fremden Landschaften, die dem Hirn guttun, einen aus Denkrillen stoßen, das Gewohnte durch das Neue, Überraschende ersetzen. Ich kann es nicht erwarten, wieder Wiesen- und Wüstengedanken zu haben, Steppen- und Savannenmelancholien, Dschungeleinfälle und Vulkangebirgsüberlegungen.

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