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EU-GipfelDer historische Deal: Brüssel schreibt die Mythen der Kulturgeschichte weiter

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

© AFP/Stephanie Lecocq
 

Guten Morgen!

Niemand betrat einen Balkon und sprach zu einer Menge Winkender. Nirgendwo stieg Rauch auf. Die EU ist nicht der Kirchenstaat. Sie hat es nicht so mit großer Symbolik im Zustand der Erschöpfung. Sie tippt lieber Asthmatisches. Um 5.31 Uhr schrieb EU-Ratspräsident Charles Michel am Ende des längsten Verhandlungsmarathons der EU-Geschichte, nach vier Tagen und vier Nächten, den kürzestmöglichen Satz auf Twitter: „Deal“.
 
So nennt man eine Einigung unter Fremden, die nur das Geld zusammenhält, das aber verlässlich. So was Ähnliches dürfte allen feierlichen Sonntagsreden zum Trotz auch die EU sein. Jedenfalls zeigten die Teilnehmer in ihrer Brüsseler Rekord-Klausur Gebärden und Verhaltensweisen, die darauf schließen lassen. Es ging um Geld, um unvorstellbar viel Geld, um eine Neuvermessung der Macht und um die Erzählung daheim, um die nationalen Epen der Helden.
 
Die Jäger, die Beute und das Heimkommen: Brüssel schreibt die Mythen der Kulturgeschichte weiter, und es sind männliche Mythen, die weitergewoben wurden. „Die ehrgeizigen Zwei“ haben wir auf Seite eins gestern spät nachts getitelt, nicht wissend, was die Nacht, in der gedruckt wurde, noch bringen würde. Das Foto zeigte Emmanuel Macron und Sebastian Kurz hinter der Maske. Die beiden Waidmänner waren ordentlich aneinander geraten. Macron bezichtigte Kurz der gemeinschaftsunfähigen, medienfixierten Selbstsucht. Der österreichische Kanzler nahm es hin. Er fährt mit dem vierfachen Rabatt heim und niedergedrückten Zuschüssen für die Corona-Hilfe.
 
Die Erzählung schreibt sich von selbst.
 
In der Erzählung unseres Korrespondenten Andreas Lieb ist vom Toxischen der Verhandlungen die Rede. Ob es sich im Pathos und der Erleichterung über das Errungene auflöst oder ob das Fallenlassen der Masken, der dahinter zum Vorschein gekommene Cluster des Ich-Virus, die Exzesse der Superspreader, die Beziehungen zwischen den Mitgliedsstaaten nachhaltig vergiftet haben, lässt sich zur Stunde noch nicht sagen. Wenn Kerben und Narben zurückbleiben, wie Außenpolitik-Chef Stefan Winkler in seinem Leitartikel über das verschobene Parallelogramm der Kräfte andeutet, dann war der Preis der europäischen Einigung höher als die astronomischen Summen des Deals es anzeigen.
 
Dann war es ein historischer Deal um den Preis der Selbstschwächung.
 
Bewahrheiten möge es sich nicht, wünscht

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Danke für Ihr Verständnis.

wjs13
1
3
Lesenswert?

Der historische Deal geht in die richtige Richtung

denn wäre er schon früher erfolgt gäbe es keinen Brexit.
Man kann nur hoffen dass die vernünftigen Vier, so sollten sie eigentlich heißen, zusammen bleiben und sich nicht weiter von den beiden Großen über den Tisch ziehen lassen.
Stefan Winkler hat in einem Printartikel, schade dass er nicht ins Internet gestellt wurde, sich verwundert gezeigt, dass Kurz in AT großzügig mit den Coronahilfen umgeht und sich in der EU knausrig gibt. Er ignoriert dabei völlig den entscheidenden Unterschied: In AT zahlt der österreichische Steuerzahler für Österreich, in der EU zahlt derselbe Steuerzahler, ja für wen eigentlich, jedenfalls nicht für Österreich.