In seinem Buch „L’archipel français“ malt der Politologe Jérôme Fourquet das Porträt eines entchristianisierten, zivilisatorisch verwildernden Frankreichs, das in unzählige Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Identitäten zersplittert ist. Droht dieses Szenario ganz Europa?

PAUL M. ZULEHNER: Das einst christentümliche Europa wird weltanschaulich immer bunter. Der Anteil der Konsequenten nimmt ab. Viele sind, so die französische Religionssoziologin Danièle Hervieu-Léger, eher suchende „Pilger“ (pèlerin) denn angekommene „Entschiedene“ (converti). Ein Teil der europäischen Bevölkerungen atheisiert, andere sind, wie Tomá(s) Halík aus dem entchristlichten Prag sie nennt, „Etwasisten“: Irgendetwas Höheres wird es schon geben. Dass aber Europa verwildert ist, würde ich nicht sagen. Es gibt ein Ringen um Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit. Vielleicht sind die Menschen doch nicht so schlecht, wie Kirchen- und Fachleute manchmal glauben.

Bedauern Sie nicht den Niedergang der christlichen Kirchen?

ZULEHNER: Papst Franziskus sagte den italienischen Bischöfen, dass die Kirche nicht in einer Ära des Wandels lebt, sondern im Wandel einer Ära. Es geht also nicht um kleine Änderungen, die mit zaghaften Reförmchen gemeistert werden könnten. Die Ära ändert sich. Die Kirche ist nicht mehr von allen gesellschaftlichen Kräften getragen, hat kein weltanschauliches Monopol mehr. Dazugehören ist nicht mehr Schicksal, sondern kann frei gewählt werden. In einer solchen Übergangszeit hat es wenig Sinn, jammernd von 100 Prozent herunterzurechnen, die es so wohl nie gegeben hat.

Was schlagen Sie vor?

ZULEHNER: Es braucht Freude über jede und jeden, der sich der Bewegung anschließt, die Jesus selbst ausgelöst hat, damit es – wie die Präfation von Christkönig singt – mehr Gerechtigkeit, Freude und Frieden auf der Welt gibt und die Schöpfung bewahrt bleibt. Wir stecken nicht in einem Niedergang, sondern einem Übergang. Wir nähern uns wieder dem biblischen Normalfall und werden als Christinnen und Christen Licht für die Welt und Salz der Erde. Und niemand, der kocht, gibt so viel Salz in die Suppe, dass es am Ende nur noch Salz gibt. Dabei bleibt entscheidend, dass die Kirche das Licht Christi nicht missbräuchlich verdunkelt und das Kirchenleben schmackhafter wird.

Braucht es die Kirchen überhaupt noch?

ZULEHNER: Ich schätze sehr, was „säkulare“ Kräfte leisten – in der Politik, in der Wissenschaft und Forschung, im Bereich Arbeit und Wirtschaft, in der Bildung, in Kunst und Kultur. Alle tragen sie dazu bei, dass das Leben auf dieser Erde gelingen kann und möglichst alle Menschen in Würde leben können, und geben dazu weise Ratschläge. Aber es gibt noch umfassendere Fragen, die im Überangebot untergehen und doch gewichtig sind.

Welche Fragen meinen Sie?

ZULEHNER: Kardinal Franz König erinnerte unermüdlich an sie: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin und welchen Sinn hat das Ganze? Ein Drittel im Land vollbringt sein Leben in dieser Welt für neunzig Jahre und meint, dann sei alles definitiv zu Ende. Daraus werden Spielregeln für das Leben abgeleitet. Das Kunststück besteht darin, in mäßiger Zeit maßlos glücklich zu werden. Da kann sich untergründig eine Angst einstellen, zu kurz zu kommen. Angst aber macht es uns schwer, solidarisch zu sein. Kirchen schlagen eine Alternative vor. Der Tod ist nicht das Ende. Es ist eine Geburt in eine neue Existenz, in der wir nur noch die Liebe vor uns haben werden. Viele, die daraufsetzen, können sich mit den Fragmenten des Glücks abfinden, weil dieses Leben nicht alles gewesen sein wird. Sie können eher das knappe Glück mit anderen teilen. Oder ganz praktisch: Rein Diesseitige werden Leid am Ende des Lebens vermeiden wollen und nach Hilfe bei einer vorgezogenen Beendigung des Lebens ersuchen. Die Jenseitshoffenden hingegen werden das Sterben als Geburt nicht durch die Hand, sondern an der Hand guter Menschen vollbringen.

Ist Christ zu sein heute mehr denn je ein Antwortversuch auf die Frage, wie wir leben wollen?

ZULEHNER: Das Welthaus, der oikos, ist bedroht. Die Waffenarsenale reichen nach wie vor aus, die Menschheit auszurotten. Die Ursachen für Migration, Kriege, Armut und Umweltkatastrophen nehmen zu. Viele können nicht in Würde leben. In diese Weltlage hinein rufen Religionsführende gemeinsam zum schonenden Umgang mit der verwundeten Schöpfung auf. Ökologie und Ökonomie müssen ausbalanciert werden. All diese Weltthemen hat auch Papst Franziskus aufgegriffen: in seiner epochalen Schöpfungsenzyklika „Laudato si’“ und im Schreiben über die universelle Geschwisterlichkeit „Fratelli tutti“. Nicht alle, aber immer mehr Mächtige hören, manchmal noch verstohlen, auf die unverbrauchte Weisheit der Religionen. Sie ist für das Überleben der Menschheit wertvoller denn je. Nicht zuletzt sind Religionen Quelle von Vertrauen, dass die Völker der Erde es gemeinsam schaffen, weil wir den Gott der Schöpfung auf unserer Seite wissen. Ich bin davon überzeugt, dass das Gewicht der Religionen rasch wachsen wird, nicht zuletzt, weil dem politischen Pragmatismus die Hoffnungsressourcen auszugehen drohen.

Alle reden heute von Werten. Ist das eine Form der Selbstvergewisserung einer immer zersplitterteren, polarisierteren Gesellschaft?

ZULEHNER: Europa hat über Jahrhunderte um Freiheit und Gerechtigkeit, um Wahrheit und Würde des Menschen gerungen. Diese Werte sind in den Kulturen seiner Völker tief verankert. Wie wichtig sie uns sind, zeigt sich in den kämpferischen Auseinandersetzungen in der Pandemie. Wieder stehen Freiheitsbesorgte den Gerechtigkeitsbesorgten gegenüber. Solidarischen mit den um ihr Leben Ringenden auf den Intensivstationen stehen jene gegenüber, die die Freiheit des Lebens, Arbeitens und der Bildung nicht aufgeben wollen. Ökonomie reibt sich an der Ökologie, Wahrheit an den Fakes.

Macht die Unversöhnlichkeit der Lager Ihnen keine Angst?

ZULEHNER: Es ist nicht gut für die Gesellschaft, wenn der Streit um die Werte gewalttätig wird, sprachlich oder physisch. Aber selbst der Streit zeigt, dass die Kultur nicht wertevergessen ist. Was es braucht, ist die Kunst des Dialogs. Alle müssen lernen, dass die Werte nie in Reinkultur realisiert werden können, sondern nur in abwägenden Kompromissen. Der einzig absolute Wert ist die Würde jedes Menschen vor jeder Leistung und in aller Schuld. Diese Würde sollte unantastbar bleiben.

Hat die Pandemie das Lebensgefühl und das Wertegerüst der Menschen verändert?

ZULEHNER: Es sind Veränderungen passiert. Diese aber liegen tiefer im Menschen und unserer Kultur als die Werte. Es handelt sich um das Gefühl der Verletzlichkeit. Die eigene Sterblichkeit erleben wir meist, wenn geliebte Angehörige von uns gehen. Diese Lektion wurde in der Pandemie viel zu vielen zugemutet. Vermehrt haben sich auch Ängste um den Arbeitsplatz, den Betrieb. Manche haben Angst vor Denunzianten, aber auch vor Ignoranten. Was aber auch gewachsen ist, ist Dankbarkeit. In meiner Online-Studie „Bange Zuversicht“ erzählt eine Frau: „Ich bin dankbar, dass mir meine Eltern ein Gottvertrauen mitgegeben haben und ich nicht unter Ängsten vor Krankheit und Armut leide. Ich habe immer das Bild vor mir: in Gottes Händen geborgen zu sein.“ Könnte es sein, dass unter der Oberflächlichkeit der Kultur sich doch eine namenlose Sehnsucht verbirgt, in guten Händen geborgen zu sein?

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