Gott – und der Pfeil der Sehnsucht

Wenn das Virus Familien, Freunde und Kollegen auseinandertreibt, wie soll Gott zu uns kommen können? Über sein Kommen in Zeiten der Krise.

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Ein silberner Stern markiert den Geburtsort von Jesus in der Bethlehem
Ein silberner Stern markiert den Geburtsort von Jesus in der Bethlehem © (c) NurPhoto via Getty Images (NurPhoto)
 

Wir gehen auf Weihnachten zu, doch Freude will nicht so recht aufkommen. Das Virus spaltet. Impfpflicht – ja oder nein? Neue Varianten – neue Stiche? Demnächst seriell im Halbjahrestakt? Die Bereitschaft, die andere Seite zu hören, schwindet, die viel beschworene Ambiguitätstoleranz schwächelt. Kein gutes Zeichen für eine pluralistische Gesellschaft, die den Respekt vor der Freiheit des anderen bislang hochgeschätzt hat. Die einen stilisieren den Impfstoff zum „Gottesgeschenk“, obwohl längst klar ist, dass auch Geimpfte das Virus übertragen und selbst erkranken können. Die anderen reden die Gefahr der Pandemie klein und warnen vor einer Gesundheits-„Diktatur“, ohne den Notstand der Politik zu sehen.

Wenn das Virus Familien, Freunde und Kollegen auseinandertreibt, wie soll dann Gott zu uns kommen können? Und wir zu ihm? Das ist die Frage, die der Advent an uns stellt. Gewiss, es gibt das Gerücht, es gebe ihn gar nicht, den Gott, der bei uns ankommen will. Die Geschichten der Bibel seien hübsche Fiktionen für Menschen, die das noch brauchen. Lassen wir die Überlegenheitsattitüden der Salon-Atheisten einmal so stehen und riskieren mit Martin Walser den Kontrapunkt: Immer mehr haben keine Ahnung, dass etwas fehlt, wenn Gott fehlt. Eine Ahnung aber braucht es.

„Aufmerksamkeit ist das liebende Gebet der Seele“ (Malebranche). Können wir das noch: die Antennen ausfahren und aufmerken? Still werden in der lauten Wüste der Informations- und Empörungsgesellschaft? Das berechtigte Moment in der Sicht des anderen wahrnehmen? Der große Unbekannte, den manche für ein Phantom der Grammatik halten – erwarten wir ihn?  

Gott verbirgt sich. Er hat sich zurückgezogen. Er schweigt. Wer weiß, vielleicht will er gesucht sein. Und trauert sogar, weil niemand sich aufmacht, um ihn zu finden. In den von Martin Buber herausgegebenen Chassidischen Geschichten gibt es die Anekdote, dass Kinder Verstecken spielen. Eines hat ein gutes Versteck hinter Bäumen gefunden. Es wartet auf die andern, wartet und wartet – bis es enttäuscht feststellt, dass es schon lange nicht mehr gesucht wird. Weinend läuft es nachhause. Der Vater fragt, was los sei. „Ich habe mich versteckt, doch keiner hat mich gesucht!“, schluchzt das Kind. Der Vater nimmt es in seine Arme: „Genauso geht es Gott in dieser Welt, mein Kind“. Das ist menschlich, ja anthropomorph gesprochen, gewiss. Aber vergessen wir nicht, dass nach christlicher Lesart Gott selbst den größten Anthropomorphismus begangen hat, als er den Menschen auf menschliche Weise nahekam. In der Krippe von Betlehem im Juden Jesus von Nazareth.

„Gottes Abwesenheit ist die einzige Form seiner Anwesenheit“, heißt es bei Simone Weil, die Atheistin war und Mystikerin geworden ist, weil sie auf die Suche gegangen ist und sich hat finden lassen. Wenn wir im Vermissen Gottes Spuren seiner Gegenwart wahrnehmen, dann kann unter der Asche alter Gewohnheiten die Glut der Erwartung neu entfacht werden: „Maranatha! Komm, Herr Jesu“ – haben die frühen Christen voller Sehnsucht gerufen. Der in Schwachheit gekommen ist und gelitten hat, er möge in Herrlichkeit wiederkommen, um das Geknickte aufzurichten, die Risse zu heilen.

Von dieser Hoffnung auch heute zu sprechen und das Friedens-Potential des Advents freizulegen, das wäre heilsamer als die Profanierung des Sakralen voranzutreiben und Impfstraßen in Kathedralen zu errichten, als gäbe es dafür nicht andere Orte. Die Kirche hat sich in Spitälern immer um Kranke gekümmert. Leib- und Seelsorge sind ihr gleichermaßen wichtig. Aber Kathedralen sind Statthalter des Heiligen in dieser Welt, sie sollten nicht als verlängerter Arm staatlicher Gesundheitspolitik missbraucht werden. Geistliche können für die Impfung werben, aber sie verfehlen ihre Mission, wenn sie öffentlich kundtun, für Ungeimpfte kein Mitleid zu haben. Compassion sieht anders aus. Die österreichischen Bischöfe haben das mit ihrem Wort zur Lage soeben klar erkannt.

Der Gott, von dem die Lesungen im Advent erzählen und dessen Geburt an Weihnachten gefeiert wird, kommt nicht laut und präpotent, sondern leise, verletzlich und schwach. Dieser Gott ist nicht in Kategorien der Stärke zu buchstabieren. Nicht nach Art des Aristoteles, dessen „unbewegter Beweger“ alles bewegt, sich selbst aber nicht bewegen lassen kann, weil das seine Vollkommenheit beeinträchtigen würde. An Weihnachten feiern Christen einen Gott, der nicht apathisch ist, sondern sich bewegen lässt. Der unvollkommen wäre, wenn er sich nicht bewegen lassen könnte! Mitleidlosigkeit ist keines seiner Prädikate. Gott bleibt nicht im Eigenen, sondern sucht Andere auf, um sie zu gewinnen. Damit durchkreuzt er alle Erwartungen, die Menschen sich von Göttern gemacht haben, alle Philosophien, die das Heilige allein in Kategorien des Vollkommenen fassen und Begriffs-Idole zimmern, die niemanden bewegen, geschweige denn bekehren. Der menschgewordene Gott, der gekommen ist, um zu bewegen, er lädt ein, die Kunst des Zuhörens neu zu üben. Und wenn das Gespräch dennoch scheitert, dann gibt es die Hoffnung, dass der Gott, der die Kluft zwischen Himmel und Erde überbrückt hat, auch die Gräben der Verständigung überwinden hilft, wenn er denn kommt – und wir ihn ankommen lassen. Das jedenfalls ist der Pfeil der Sehnsucht, der im Advent neu gespannt wird.

*Zum Autor

Jan-Heiner Tück, geboren 1967 in Emmerich am Rhein, Deutschland, studierte in Tübingen und München Theologie und Germanistik. Habilitation 2007 an der Universität Freiburg. Seit 2010 Professor für Dogmatik an der Universität Wien.

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