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Swetlana TichanowskajaAugust: Die mutige Mutter von Minsk

2020 war im Osten Europas das Jahr der starken Frauen: Swetlana Tichanowskaja wurde ungewollt zum Stachel im Fleisch des weißrussischen Langzeitpräsidenten Lukaschenko.

Swetlana Tichanowskaja
Swetlana Tichanowskaja © APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Bei der Präsidentschaftswahl am 9. August trat Swetlana Tichanowskaja gegen Weißrusslands Langzeitmachthaber Alexander Lukaschenko an. Eigentlich sprang sie nur für ihren Mann, Sergei Tichanowski, ein: Nach dessen Ankündigung, für die Präsidentschaftswahl zu kandidieren, wurde er verhaftet. Amnesty International stuft Tichanowski als politischen Gefangenen ein. Mit ihrer Ernsthaftigkeit entfesselte Swetlana Tichanowskaja eine solche Aufbruchsenergie, dass das Regime die Ergebnisse eklatant fälschen musste, um dem Diktator den Sieg zu sichern.

Kurz nach der Wahl unterzogen KGB-Spezialisten Swetlana Tichanowskaja einer Psychofolter. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie das funktioniert bei einer jungen Mutter von zwei Kindern, wenn der Ehemann und Vater der Kinder im Gefängnis sitzt. In einer erpressten Videoansprache musste sich Tichanowskaja verbal entblößen: „Ich war immer eine schwache Frau.“ Sie trat den schweren Gang ins litauische Exil an. Das passte endlich wieder in das Bild, das Lukaschenko sehen wollte. „Diese arme Frau weiß doch gar nicht, wovon sie redet. Sie ist unfähig, ein Amt wie das meine auszuüben.“ Das Bild war aber so grundfalsch wie das Wahlergebnis vom Sommer. Tichanowskaja stand schnell wieder auf und lenkt seither die belarussische Opposition aus dem Exil. Lukaschenko dagegen klammert sich an Durchhalteparolen: „Ich werde nie kapitulieren, selbst wenn sie mich töten.“

Die Politikwissenschaftlerin Olga Dryndova von der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen ist überzeugt, dass es in Belarus „kein Zurück mehr gibt“. Der Wandel sei unumkehrbar. Aber die Menschen im Land sind ungeduldig, vor allem die jungen, zu denen auch Swetlana Tichanowskaja mit ihren 38 Jahren gehört. Kurz vor Weihnachten reiste sie nach Straßburg, um den Sacharow-Menschenrechtspreis des EU-Parlaments entgegenzunehmen. Auf dem Weg machte sie Station in Berlin und las der deutschen und europäischen Politik die Leviten: „Es gibt viele Worte der Unterstützung. Wir brauchen aber Taten.“ Die von der EU verhängten Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime nannte sie angesichts von 30.000 Inhaftierten und ungezählten Folteropfern „lächerlich“. Das klang nach Wut, und 2021 wird sich zeigen, wie weit diese neue Energie in Weißrussland trägt.

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