Studieren in Zeiten von CoronaOffener Brief eines Studenten: "Ich fühle mich an die Wand gestellt"

Alleingelassen mit den Skripten, gekündigt von der Leihfirma und aus finanziellen Gründen wieder daheim bei Mama eingezogen: Ein oststeirischer Student, nennen wir ihn Christian S., berichtet, was die Coronakrise für Studierende bedeutet.

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Christian S. weiß, dass er es mit seiner speziellen Lebenssituation in der Coronakrise noch immer verhältnismäßig gut getroffen hat. Die steirischen Hochschulen wurden ja per Coronaerlass geschlossen. Aber von einer „Zeit der Erholung“ und „Zeit der Neufindung“, wie sie in der Krise vielerorts angepriesen wird, kann er nichts bemerken. "Es ist mir wichtig, dass die Aufmerksamkeit nicht nur auf die FH‘s, Grundschulen und Lehrlinge gelenkt wird, sondern auch auf die Studenten", sagt er und richtet folgenden offenen Brief an uns:

"Ich besuche die KF Universität in Graz und habe gerade mit meiner Mutter darüber gesprochen, wie mein Studium jetzt während der Corona-Krise gehandhabt wird, da weder sie, noch ich, bis jetzt wirkliche Informationen über das ganze Thema im Fernsehen oder sonst wo gesehen haben. Ich hab ihr also erklärt, dass fast alle meine Professoren die Powerpoint Präsentationen (die uns oft nicht zur Verfügung stehen) und Skripten (bekommen wir normalerweise oft auch nicht) auf die Plattform moodle gestellt worden sind, sodass wir den ganzen Stoff, den wir sonst in den Vorlesungen durchnehmen würden, uns zu Hause selbstständig beibringen können. Die Idee an sich ist ja nicht schlecht, für Studentinnen und Studenten die sich leicht tun, Neues ohne Fremde Unterstützung zu erlernen. Alle anderen haben jetzt aber, in der Zeit, die jeder anpreist als „Zeit der Erholung“ und „Zeit der Neufindung“, alle Hände voll zu tun, um sich durch die ewig langen Skripten zu kämpfen und herauszufiltern was „wichtig“ ist und was „unwichtig“.

Andere Lösungsvorschläge, die zum Beispiel an den FH‘s oder Grundschulen angewendet werden (also der Onlineunterricht) wird bei uns an der Universität nicht gemacht. Warum? Wir dürften diesen Onlineunterricht anscheinend nur über Microsoft-Business machen, dieses System kostet aber immens viel und ist sehr unbeliebt bei unseren Professoren da es immer wieder zu Übertragungsstörungen und sonstigen Problemen kommt. Andere Plattformen, wie z.B. Twitch, auf denen man online quasi einen offenen Unterricht machen könnte, weil man jederzeit zur Videoübertragung auch Fragen stellen kann und diese auch zusammen online zugänglich machen kann und diese noch dazu kostenlos sind, dürfen wir aus unbekannten Gründen nicht verwenden. Für mich, und ich bin mir sicher, ich bin da nicht der Einzige, ist es auf jeden Fall zu wenig, mir die Skripten und die Präsentationen durchzulesen, um eine Prüfung zu bestehen. Natürlich kann ich meinen Professoren jederzeit schreiben, wenn ich mal Fragen hab; aber diese Antworten bräuchte ich in dem Moment, in dem ich den Stoff durchlese, und nicht erst zwei Tage später, wenn ich mir vermutlich schon etwas Falsches selbst zusammengereimt und eingeprägt hab. Ich frage mich an dieser Stelle, wie sich sowohl die Professoren als auch die Politiker vorstellen, wie wir alle Prüfungen bestehen sollen, wenn sich das Wirrwarr in unseren Köpfen wöchentlich summiert. Denn so, wie jetzt alles gehandhabt wird, ist das nur eine halbe Geschichte, die klassische „Duat scho, bast scho“ Devise.

 Aber jetzt mal weg von dem Lernen an sich, denn für mich haben sich weitaus größere Probleme angekündigt. Ich habe während des Studiums geringfügig über eine Leihfirma in der Produktion gearbeitet. Aufgrund der Corona-Krise wurde ich jedoch gekündigt und habe jetzt keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Da ich jetzt wieder bei meiner Mutter wohne, stellt sich das nicht als all zu großes Problem für mich dar, jedoch wird es damit sehr vielen Studenten anders ergehen als mir, und über einen Lösungsvorschlag seitens der Regierung hab ich bis jetzt noch nichts gehört. Das Einzige, das bis jetzt für uns Studenten geregelt wurde, ist die Kinderbeihilfe, auf die jetzt jeder Anspruch hat, da dieses Semester als „neutrales“ Semester gezählt wird.

Das nächste Problem, das sich wahrscheinlich erst viel später zeigen wird, sind die Alimente. Ich kann mich glücklich schätzen, genügen Alimente zu bekommen, um sorgenfrei studieren zu können. Zumindest vorerst. Denn ich frage mich, ob sich irgendjemand auch schon mal darüber Gedanken gemacht hat, welche Folgeschäden entstehen, wenn sich diese Krise noch lange hinauszögert. Fakt ist nämlich, dass es durchaus möglich sein kann, dass sich das ganze Studium um ein halbes Jahr verlängert. Da aber der Anspruch auf Alimente nur bis zu einem bestimmten Alter gilt und diese Zeit ca. gleichzeitig endet wie die Studiumszeit, werden viele am Ende ihres Studiums mit den jetzigen Gesetzen keinen Anspruch mehr darauf haben.

Ich für meinen Teil verstehe absolut gar nicht, wie ich alle Herausforderungen, die sich mir jetzt gestellt haben, schaffen soll und fühle mich als Student von den Politikern regelrecht an die Wand gestellt und vergessen; und das, obwohl wir, die Jugend, die Zukunft dieser Welt sind."

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