AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

InterviewGlück kann man trainieren

Medizinerin Katharina Turecek und Psychologin Heide-Marie Smolka über den Weg zum Glück: wie man das Raunzen hinter sich lässt und sogar im Stau entspannt bleiben kann.

Heide-Marie Smolka und Katharina Turecek (rechts) © Meyer
 

Frau Turecek, Sie sind Gehirnforscherin. Warum schreiben Sie ein Buch zum Glück?
KATHARINA TURECEK: Wir wissen, dass Wohlbefinden für das Gehirn eine wesentliche Rolle spielt. Unser Ziel ist nicht nur das Glück, sondern emotionale Kompetenz: Wie bekomme ich meine Emotionen in den Griff?

Wie kann das gelingen?
HEIDE-MARIE SMOLKA: Wir teilen die Emotionen in vier große Gruppen: Jammertal und Wut im negativen, Muße und Turbo im positiven Bereich. Der Neutralpunkt dazwischen ist der Ruhepol.

Ist der Turbo das Ziel?
SMOLKA: Nein, der birgt ein großes Gefahrenpotenzial, weil man auf die Regeneration vergisst. Erfolg wird heute als „viel leisten und Kohle machen“ definiert – aber das Gesamtsystem muss sich regenerieren, das gelingt im Neutralpunkt oder in der Muße.

Workaholics bewegen sich stets im Turbo-Modus?
SMOLKA: Und begeben sich dabei in Burn-out-Gefahr.
TURECEK: Emotionale Kompetenz bedeutet, dass man es selbst steuern kann. Man nimmt Emotionen oft als von außen gegeben hin. Jeder der vier Bereiche hat seine Berechtigung. Es gibt von jedem Bereich ein Zuviel und ein Zuwenig.

Also man kann auch hin und wieder wütend sein?
TURECEK: Ja, das Ziel ist es, sich bewusster zu werden, wann ich die Wut, wann ich die Muße brauche. Selbstverständlich streben wir es an, im positiven Bereich zu sein.
SMOLKA: Das heißt: Ich habe es in der Hand, Emotionen zu steuern.
Viele fühlen sich trotz Wohlstands unglücklich. Mehr Geld heißt nicht mehr Glück.
TURECEK: Glückserlebnisse sind im Gehirn durch die Dopaminausschüttung sichtbar – etwa, wenn uns etwas gelingt oder wir ein teures Auto kaufen können. Das streben wir an, das löst Lustempfinden aus. Und es weckt den Wunsch, es wieder zu erleben. Das Problem ist die Gewöhnung: Die Rezeptoren brauchen immer mehr davon.

Man wird abhängig?
TURECEK: Workaholic zu sein, ist nichts anderes als eine Art Suchtverhalten. Wir suchen immer größere Herausforderungen, um das Erfolgserlebnis hinzukriegen, während das Gehirn ganz anderes brauchen würde: die Ruhe, die Muße.

Wie kommt man wieder runter?
SMOLKA: Der Königsweg in den Neutralpunkt ist die Meditation. Man muss dafür nicht zwei Stunden „Om“ sagen. Es reicht, innezuhalten, mit allen Sinnen da zu sein, Aufmerksamkeit ins Hier zu richten.

Was passiert dann?
TURECEK: Man kann dem Gehirn beim Regenerieren zusehen. Wer meditiert, braucht weniger Schlaf. Wenn wir meditieren, passiert eine Synchronisation – ganze Nervenzellenverbände feuern synchron. Das erlebt man als riesengroßes Aha-Erlebnis, nimmt die Welt als Ganzes wahr. Meditation ist viel mehr als Abschalten, sondern ein Zustand höchster Aktivität.

Meditation als Kontrapunkt zur vollvernetzten Gesellschaft?
SMOLKA: Es ist reine Übungssache. Man soll das Prinzip der Babyschritte anwenden, ohne sich zu überfordern. Etwa zweimal am Tag vier Minuten üben, im Hier und Jetzt zu sein. Wenn ich ganz in der Gegenwart bin, habe ich keinen Zeitdruck. Damit schaffe ich die Basis für Glücksmomente.
TURECEK: Ich komme ja auch aus der Turboecke, bin selbstständig, habe zwei kleine Kinder. Es gibt Tage, an denen man das Gefühl hat, es geht nichts. Für mich ist die Dusche so ein Zaubermoment. Ich habe früher immer überlegt, was ich heute alles zu erledigen habe. Heute sind das meine vier Minuten.
SMOLKA: Viele Menschen sind aber aus Gewohnheit im Jammertal. Mancherorts ist es Unternehmenskultur, zu jammern.

Wie kann man das ändern?
TURECEK: Eine Säule ist das Tun: Welche meiner Aktivitäten tun mir gut, welche nicht? Eine weitere ist das Denken. Wir sollen uns bewusst sein, dass nicht der Reiz von außen ausmacht, wie es mir geht, sondern wie ich darüber denke.
SMOLKA: Ein Beispiel ist der Stau. Ich kann mich hineinsteigern und es schrecklich finden. Oder ich bin in der Muße und drehe Beethoven auf. Oder ich mache Atemübungen. Über eine Gedankenänderung habe ich die Wahl, wie ich im Stau stehe.
TURECEK: Es ist wie Fremdsprachen lernen. Assoziationen müssen gefestigt werden. Wenn ich immer im Jammertal bin, trainiere ich das Raunzen. Ich kann aber auch das Glücklichsein trainieren, dann reicht eine Kleinigkeit, um ein Glücksgefühl auszulösen.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung! Kommentieren