Herr Professor Blüher, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Fasten und der Frage, wie Übergewichtige nach einer Diät dauerhaft ihr Gewicht halten können. Wie reagieren nun Fettzellen, wenn die Energiezufuhr beim Fasten dramatisch reduziert wird?
MATTHIAS BLÜHER: Sie werden kleiner und stellen durch Fettabbau dem Körper Energie zur Verfügung. Eine Fettzelle stirbt aber nicht zwangsläufig, sondern bleibt im Körper. Sie lebt ungefähr zehn Jahre und wird nur kleiner, sendet aber hormonelle Signale, die – einfach ausgedrückt – dem Hirn sagen: Mensch, du musst eigentlich bei der nächsten Mahlzeit mehr essen. Und du musst mehr Appetit haben, um mich wieder aufzufüllen.

Welche Rolle spielt dabei das Hormon Leptin?
Das ist eines der Fettgewebshormone, die hierbei eine große Rolle spielen.

Sie senden das Signal an das Gehirn, satt oder nicht satt zu sein?
Das Signal ist komplex. Es bedeutet: Ich habe mehr Appetit, ich bin später satt, meine Sättigung tritt nicht so schnell ein. Ich kann pro Mahlzeit mehr essen und mein Bewegungsdrang – auch bezogen auf Bewegungen wie Muskelkontraktionen, die ich unbewusst ausführe und gar nicht wahrnehme – wird weniger. Wenn Leptin fehlt, führt dies zu verspäteter Sättigung und Appetit. Auf der anderen Seite beeinflusst es, wie viel und wie gern ich mich bewege. Das ist eigentlich ein Teufelskreis. Bei jeder Diät wird Leptin nach unten reguliert, und da kann man sich fragen, was passiert, wenn ich zu wenig Leptin in mir habe. Menschen, denen Leptin prinzipiell fehlt, essen quasi ungebremst, haben immer Hunger, sind nie satt, werden dadurch extrem übergewichtig und haben einen geringeren inneren Bewegungsdrang. Und das passiert letztendlich in nicht ganz so starkem Ausmaß auch nach einer Diät.

Wir sind beim Essen von Leptin ferngesteuert?
Unter anderem. Leptin ist nur eines von zahlreichen Hormonen. Es gibt auch eine ganze Menge Darmhormone mit ähnlicher Wirkung. Wir sind aber quasi ferngesteuert von unserem Hormonsystem, das darauf ausgerichtet ist, dass wir ein bisschen mehr essen, als wir eigentlich brauchen, um für Notzeiten gewappnet zu sein. Es ist ja für das Überleben wichtiger, Reserven zu haben, als andersrum.

Welche Ernährungsregeln würden Sie jedem empfehlen, der sein Gewicht halten möchte?
Man muss sich einen Teller vorstellen: Zwei Drittel eines Tellers sollten mit Gemüse gefüllt sein, und das restliche Drittel darf mit Beilagen wie komplexen Kohlenhydraten, z. B. Kartoffeln, belegt sein. Oder eben Fisch oder Fleisch. Das wäre die ideale Zusammensetzung. Wenn man über Energiezufuhr spricht, reichen zwischen 1400 und 2000 Kilokalorien an Energiemenge aus, um nicht Gewicht zuzulegen.

Welchen Einfluss hat eine solche Ernährung auf das Immunsystem?
Man geht davon aus, dass eine gute Darmbakterienzusammensetzung und ein gesundes Körpergewicht auch für ein starkes Immunsystem eine wichtige Voraussetzung sind.

Auszug aus einem Interview im neuen Magazin "Was gesünder und fitter macht".