Eigentlich war es ein schöner Urlaubstag in Spanien für den damals 24-jährigen Andy. Abends war er noch schwimmen – dann kam das Fieber. Als das immer höher wurde entdeckte seine damalige Freundin dunkle Flecken am ganzen Körper. Dem Hotelarzt war schnell klar, dass es sich hier um eine Meningokokken-Sepsis handelte. Was folgte: Drei Monate Koma, vier Monate auf der Intensivstation, insgesamt acht Monate im Krankenhaus. Das meiste davon weiß Andy nur aus Erzählungen. Die Folgen sind bis heute klar ersichtlich: Andy mussten beide Beine sowie die meisten Finger amputiert werden. Auch sein Gehör ist stark geschädigt: „Ohne meine Freundin und meine Eltern wäre ein einigermaßen normales Leben nicht möglich.“

Aufklärung dringend notwendig 

Jährlich infizieren sich in Österreich 20 bis 100 Kinder mit Meningokokken und erkranken infolge schwer. „Meningitis ist eine seltene, aber lebensgefährliche Erkrankung“, sagt Hans Jürgen Dornbusch, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz.  Die Krankheit verläuft schnell und kann tödlich sein, wenn nicht rechtzeitig reagiert wird. Dennoch zeigen Studien immer wieder, dass sehr wenig Menschen über Meningitis und die Schutzmöglichkeiten Bescheid wissen.

Zwei Tage nach dem heutigen Welt-Meningitis-Tag soll daher in Österreich am 26. April eine große Aufklärungskampagne starten. Dabei sollen beispielsweise kurze Spots im Fernsehen auf die Krankheit aufmerksam machen.

Meningokokken sind Bakterien. Sie gehören zu einer Dreiergruppe besonders gefährlicher Bakterien. „Diese können schwerste Erkrankungen mit Folgeerscheinungen bei Kindern und Jugendlichen auslösen“, so Dornbusch. Das Problem bei Meningokokken: Es handelt sich um gramnegative Bakterien. Diese haben in ihrer Außenhaut Endotoxin, welches in großen Mengen abgegeben wird. So gelangt dieser Stoff in die Hirnhaut oder an andere Stellen des menschlichen Körpers und löst Entzündungsreaktionen aus. „Meningokokken geben ein Vielfaches von dem ab, was man von anderen gramnegativen Bakterien kennt. Das führt zu diesen massiven Krankheitsbildern“, sagt der Experte. Am häufigsten betroffen sind Säuglinge und Kleinkinder zwischen vier Monaten und fünf Jahren sowie Jugendliche zwischen 10 und 25.

Rechtzeitige Behandlung 

Zu unterscheiden gilt es Meningitis und die Meningokokken-Sepsis. Bei einer Meningitis liegt eine lokale Infektion im Gehirn vor. Bei einer Meningokokken-Sepsis geben die Bakterien das Endotoxin im ganzen Körper ab. „Dadurch kann es zu Blutungen und Thrombosen kommen“, sagt Dornbusch. An späten Frühzeichen könne man das erkennen: dunkle Flecken werden an der Haut sichtbar. „Dann zählt jede Minute.“ Denn kommt man rechtzeitig zum Arzt, kann eine antibiotische Therapie schlimmeres verhindern. „Wartet man zu lange, sind nicht mehr die Bakterien – die vom Antibiotikum bekämpft werden können – das Problem. Diese haben ihr Gift dann schon ausgeschüttet und es wirkt im Körper“, so der Pädiater.

Hans Jürgen Dornbusch, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz
Hans Jürgen Dornbusch, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz
© (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Bei Verdacht sollte man laut dem Experten also schnellstmöglich in das größte naheliegende Gesundheitszentrum fahren. Bei einer reinen Meningitis gibt es aber keine verdächtigen Flecken, die den Hinweis geben können. Wie kann man diese also beim eigenen Kind erkennen? Bei älteren Kindern kommt es zu starken Kopfschmerzen, Übelkeit und hohem Fieber. Im Krankenhaus kann durch schnelle Untersuchungen möglichst bald eine Diagnose gestellt werden: „Man darf hier keine Zeit verlieren. Die Keime vermehren sich so schnell, dass sie sich in einer halben Stunde verdoppeln“, sagt Dornbusch. Je jünger die Kinder sind, desto schwerer ist es, die Krankheit zu erkennen. Denn die Symptome sind unspezifischer. Ganz kleine Kinder bekommen anstatt Fieber beispielsweise sogar Untertemperatur.

Behandlung der Kontaktpersonen

Wie gefährlich eine solche Infektion für junge Menschen sein kann, zeigt sich auch im Vorgang nach einer Erkrankung: „Im Normalfall bekommen alle Kontaktpersonen – beispielsweise Klassenkameraden – vorbeugend ein Antibiotikum. Optimalerweise sollten diese dann auch innerhalb von zehn Tagen geimpft werden“, sagt der Experte.

Übersteht das Kind oder der Jugendliche die Erkrankung, gibt es meist Folgeerscheinungen. Typisch nach einer Meningitis sind beispielsweise epileptische Anfälle und Sprachentwicklungsverzögerungen. Je nachdem welche Nerven geschädigt sind, kann es auch zu anderen neurologischen Ausfällen kommen. Auch Hörstörungen sind häufig. Kommt es im Rahmen der Erkrankung zu einer Entzündung im frontalen Bereich des Gehirns, ist oft auch die Gefühlssteuerung beeinflusst und Impulse können nicht mehr so gut kontrolliert werden.

Gute Schutzmöglichkeiten

„Glücklicherweise gibt es heute Schutzmöglichkeiten gegen alle Meningokokkenstämme (Anm. A, B, C, W und Y). Diese sind sehr gut wirksam“, so Dornbusch. Oft wird aber übersehen, die Kinder gegen alle Stämme impfen zu lassen, denn dafür braucht es mehrere Impfungen. Außerdem sind nicht alle davon im Gratisimpfprogramm verankert. Dazu kommt das die Impfung alle fünf Jahre aufgefrischt werden muss. Die Kombinationsimpfung gegen die Stämme A, C, W und Y ist im Schulimpfprogramm festgeschrieben. Da Säuglinge ein sehr hohes Risiko haben wird die Impfung gegen Stamm B schon ab zwei Monaten empfohlen. Dieser ist für die Hälfte aller schwerwiegenden Infektionen verantwortlich. Das Vakzin gegen Stamm C wird im Alter von einem Jahr empfohlen. Impfen lassen kann man sich bei allen Ärzten und Impfstellen.

Impfungen dringend nachholen 

Aktuelle Impflücken gäbe es laut dem Grazer Kinderarzt aber nicht nur in Bezug auf die Meningokokken-Impfung: „Durch die Pandemie wurden viele Impfungen vernachlässigt. Zum einen, weil Impfungen in den Schulen ausgefallen sind und zum anderen, weil viele Eltern aus Angst vor einer Ansteckung den Arztbesuch mit dem Kind vermieden haben.“ Optimalerweise würden Eltern ihre Kinder mit allen im Österreichischen Impfplan empfohlenen Impfungen schützen lassen. Und es würde sich anbieten, versäumte Impftermine kommende Woche nachzuholen. Denn nächste Woche findet die Europäische Impfwoche statt.

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