Rund um die Erkrankung Covid-19 gibt es viele offene Fragen: Wo im Körper schlägt das Virus zu? Was sind die Ursachen, dass manche Betroffene so schwer erkranken? Und woran sterben Covid-Patienten eigentlich? Eine Möglichkeit, nach Antworten zu suchen, ist die Toten selbst zu „befragen“: „Obduktionen können gerade bei einer neuartigen Erkrankung wesentlich zum Erkenntnisgewinn beitragen“, sagt Sigurd Lax, Vorstand des Instituts für Pathologie des LKH Graz II West.

Er und sein Team haben österreichweit nicht nur die meisten Obduktionen von Covid-Verstorbenen durchgeführt – bis dato sind es mehr als 20 –, sie zählen nach Hamburg und Basel auch zu den ersten Zentren in Europa, die ihre Ergebnisse nun als Studie in einem Top-Fachjournal veröffentlicht haben.

Thrombosen direkt in der Lunge

„Wir wollten Antworten auf zwei Fragen finden“, sagt Lax: „Welche Organveränderungen finden sich bei einem fatalen Verlauf? Und was ist die Todesursache bei Covid-19?“ Elf Covid-Tote wurden im Rahmen der Studie untersucht, gemeinsam mit Kollegen der Inneren Medizin und Anästhesiologie des LKH Graz II, dem Zentrum für Hygiene und Mikrobiologie der Med Uni Graz, dem Institut für Krankenhaushygiene und Michael Trauner (Med Uni Wien) wurden die Ergebnisse ausgewertet.

Dabei wurde eine bis dato neue Erkenntnis gewonnen: Covid-19 löst nicht nur schwere Lungenentzündungen aus, sondern kann auch Thrombosen (Gefäßverstopfung durch Blutgerinnsel) direkt in der Lunge verursachen und in weiterer Folge Organe wie Niere, Leber und Bauchspeicheldrüse schädigen. „Covid-19 ist eine schwere Infektionskrankheit, die den gesamten Organismus beeinträchtigt“, sagt Trauner.

Die Schäden an der Lunge sind zwar der Ausgangspunkt der Erkrankung. Aber nun zeigte sich: Neben der Entzündung direkt in den Lungenbläschen, sind auch die Gefäße der Lunge maßgeblich beteiligt. In den kleinen Arterien kommt es zur Blutgerinnung, die vor allem bei Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems zu weiteren Thrombosen in der Lunge führen kann.

„Die Patienten werden zwar beatmet, der Sauerstoff gelangt durch die verschlossenen Gefäße aber nicht mehr in den Körper“, erklärt Lax. Diese Beobachtung deckt sich mit früheren Erkenntnissen, dass selbst intubierte Patienten nicht mehr gut auf die Beatmung ansprechen.

Zuvor hatten Hamburger Gerichtsmediziner bereits aufgezeigt, dass das Sars-CoV-2-Virus in den Beinvenen zur Bildung von Blutgerinnseln führen kann, die als sogenannte Lungenembolie in die großen Lungengefäße gelangen und zu einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen führen können. Die erhöhte Thromboseneigung bei Covid-19 habe daher weitreichende Auswirkungen.

Das Obduktionsteam am LKH Graz West II: Helmut Adler, Sigurd Lax, Kristijan Skok
Das Obduktionsteam am LKH Graz West II: Helmut Adler, Sigurd Lax, Kristijan Skok
© kk

Diese Erkenntnisse könnten für die zukünftige Therapie wichtig sein – Lax meint, dass es Medikamente brauche, die gezielt in die Bildung von Thrombosen eingreifen.

Wer sind die Patienten, die an Covid-19 sterben? Lax berichtet, dass die obduzierten Covid-Toten im Durchschnitt 81,5 Jahre alt waren und alle ähnliche Vorerkrankungen aufwiesen: Gefäßverkalkungen, koronare Herzerkrankung, Diabetes und die chronische Lungenkrankheit COPD.

Die Oduktionen an Covid-19-Patienten finden unter höchsten Sicherheitsbedingungen statt: „Wir schützen uns genauso, wie sich Ärzte auf Covid-Stationen schützen“ sagt Lax. Obduziert wird in Österreich dann, wenn die Todesursache unklar ist oder ein wissenschaftliches Interesse besteht. Die Fachgesellschaft für Pathologie befürwortet daher, dass Obduktionen an Covid-Verstorbenen durchgeführt werden.

Auf die breit diskutierte Frage, ob Betroffene direkt an Covid-19 oder vielmehr mit der Infektion an Vorerkrankungen versterben, hat Lax eine eindeutige Antwort: „Alle Patienten, die wir untersucht haben, sind an Covid-19 verstorben. Ohne die Infektion hätten sie noch länger gelebt, heutzutage ist es möglich, trotz chronischer Erkrankungen lange zu leben.“