Frau Sperner-Unterweger, Sie machen sich seit Jahren für die Einführung eigener „Angstambulanzen“ an Österreichs Universitätskliniken stark. Ist der Bedarf so groß? Sind Angststörungen in Österreich auf der Überholspur?

BARBARA SPERNER-UNTERWEGER: Prinzipiell gehören Angststörungen zu den häufigen psychischen Erkrankungen: Etwa 16 bis 20 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens einmal an dieser Symptomatik. Ob die Zahl steigt, ist schwer zu sagen: Einerseits wird insgesamt häufiger über psychische Krankheiten gesprochen und Betroffene sind weniger stigmatisiert – andererseits müssen wir Ängste immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sehen. Momentan leben wir in einer Zeit, in der Ängste stark geschürt werden.

Angstpatienten berichten immer wieder, chronische Überforderung sei ein Auslöser. Sind die Grenzen zwischen Angsterkrankung, Burnout und Depression fließend?

Für Experten gibt es klare Grenzen, für Betroffene sind die einzelnen Gebiete aber schwer auseinanderzuhalten. Burnout ist – anders als eine Angststörung – keine Diagnose, es beschreibt nur einen Zustand einer chronischen Überforderung, in dem es oft zur Entwicklung von Ängsten und einer Depression kommen kann.

Barbara Sperner-Unterweger
Barbara Sperner-Unterweger, Psychiaterin
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In welcher Form treten Angsterkrankungen nun auf?

Einerseits gibt es Ängste, die mit bestimmten Situationen verbunden sind, das sind spezifische Phobien: etwa vor bestimmten Tieren oder Menschenansammlungen, engen Räumen oder ausgesetzten Höhenlagen. Andererseits gibt es diese überfallsartige Angst: Panikattacken, bei denen man zuerst gar nicht an Angst denkt, sondern an körperliche Krankheiten, weil sie oft mit viel Herzklopfen, Schwitzen, Unruhe, Anspannung, Schwindel und dem Gefühl, sterben zu müssen, verbunden sind. Diese Menschen kommen zuerst meist in eine Notfallambulanz oder zum Hausarzt und erst später stellt sich heraus, dass kein körperliches Problem vorliegt, sondern eine Angsterkrankung. Darüber hinaus gibt es noch die generalisierte Angststörung mit oft diffusen oder vielen verschiedenen Ängsten, einem generellen Unruhegefühl und ständigen Sorgen und Befürchtungen, die einen pausenlos beschäftigen.

Angst ist ja lebensnotwendig, um Gefahren zu erkennen und richtig einzuordnen. Wann wird sie ungesund?

In erster Linie bestimmt das der subjektive Leidensdruck. Ein zweiter Indikator sind Einschränkungen im Alltag, vor allem das Vermeidungsverhalten. Es gibt ja Menschen, die aufgrund ihrer Ängste kaum noch das Haus verlassen können.

Neuer Ratgeber
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Wie lange dauert es im Schnitt, bis Betroffene die richtige Hilfe bekommen?

Leider vergehen oft Jahre, bis die Diagnose gestellt wird. Dabei treten Angsterkrankungen in den meisten Fällen schon früh im Leben auf. Grundsätzlich gibt es bei Angsterkrankungen auch gute Behandlungsmöglichkeiten – sie wirken aber umso besser, je früher die Erkrankung erkannt wird und wenn noch keine Chronifizierung erfolgt ist.

Über die Ursachen krankhafter Ängste wird viel spekuliert. Liegt es nun eher an den genetischen Faktoren, an der Erziehung oder an traumatischen Erlebnissen?

Am ehesten ist es wohl eine Summe all dieser Faktoren. Es gibt eine genetische Vulnerabilität, also höhere Anfälligkeit in einzelnen Familien, eine Erbkrankheit sind Angststörungen aber nicht. Man weiß auch, dass Ängste in Familien erlernt werden: Eltern können auch ängstliche Verhaltensweisen bei ihren Kindern verstärken. Gesellschaftliche Faktoren und negative Schlüsselerlebnisse können ebenfalls eine Rolle spielen. Auch biologische Gegebenheiten, wie Fehlsteuerungen der Stresshormone und Veränderungen der Botenstoffe im Gehirn, sind für die Entwicklung einer Angsterkrankung von Bedeutung.

Elisabeth Sagmeister litt lange an Panikattacken
Elisabeth Sagmeister litt lange an Panikattacken
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Was hilft bei großem Leidensdruck am besten?

Zuerst ist es wichtig, zu erkennen, um was genau es sich überhaupt handelt. Der Patient muss die Symptome richtig deuten. Wenn man ihm die Zusammenhänge erklärt, die hinter der Angstsymptomatik stecken, zeigen sich auch mögliche Hilfsmaßnahmen. Nehmen wir etwa Vermeidungsreaktionen, die bei den Angststörungen ja ein großes Problem sind: Da ist es sinnvoll, sich den angstbesetzten Situationen zu stellen, am besten mit psychotherapeutischer Unterstützung.

Die Psychotherapie ist die vorrangige Therapie bei krankhaften Ängsten?

Ja, und zwar nicht nur beim Aufdecken der Ursachen, sondern auch beim Aufzeigen von Möglichkeiten, wie man sich im Alltag helfen kann. Es gibt viele kleine Übungen, die man lernen kann, um wieder die Kontrolle über Situationen zu erlangen. Wichtige Therapiebausteine sind auch Entspannungsmethoden und ein strukturiertes Selbstsicherheitstraining, vor allem bei sozialen Ängsten. Sehr hilfreich ist auch regelmäßige körperliche Aktivität.