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PsychoanalyseWarum wir träumen - und was Träume bedeuten

Warum Träume für unsere Gesundheit so wichtig sind und wie wir durch Traumdeutung zur Selbsterkenntnis gelangen, erklärt Psychoanalytiker Walter Hoffmann.

Träume © Ljupco Smokovski - stock.adobe.c
 

Was sagen Sie Menschen, die meinen, sie würden nicht träumen?

Walter Hoffmann: Das gibt es erwiesenermaßen nicht. Wir alle träumen, aber nicht alle können sich nach dem Aufwachen an ihre Träume erinnern. Tatsächlich durchlaufen wir pro Nacht zwei Arten von Träumen: jene Träume, die in der REM-Phase stattfinden, wild und bunt sind und an die man sich sehr gut erinnern kann. Die andere Art von Träumen tritt in der Tiefschlafphase auf und ähnelt mehr der Art, wie wir im Wachzustand denken. Träumen tut jeder, erinnern kann sich aber nicht jeder. Menschen, die sich nicht an ihre Träume erinnern können, sind psychisch meistens stabil und zufrieden.

Wir träumen bereits im Mutterleib - warum ist das Träumen ein solch essenzieller Bestandteil des Menschseins?

Walter Hoffmann: Träume sind so wichtig, da sie die Hüter des Schlafes sind. Im Schlaf erfolgen lebenswichtige Aufgaben für unseren Körper, vor allem im Gehirn. Es werden Stoffwechselprodukte abtransportiert, das Gehirn wird entgiftet und gleichzeitig werden Reparaturen durchgeführt. Ein kurzfristiger Schlafmangel kann daher krank machen, durch einen dauerhaften Schlafentzug würde der Mensch sterben. Träume schützen den Schlaf, ohne Träume würden wir dauernd aufwachen und das hätte großen Schaden für unsere Gesundheit.

Walter Hoffmann
Walter Hoffmann Foto © kk

Autor & Buch

Walter Hoffmann ist Psychoanalytiker und leitet das Institut für Tiefenpsychologie. In seinem Buch „Unsere geheime Welt im Schlaf“ (Goldegg-Verlag) führt er durch die Welt der Nacht- und Tagträume und deren Bedeutung für unsere Psyche.

Goldegg Unsere geheime Welt im Schlaf
Unsere geheime Welt im Schlaf © Goldegg

Inwiefern hüten Träume unseren Schlaf?

Walter Hoffmann: Im Schlaf sind viele Kontrollmechanismen ausgeschaltet, unser Wunschzentrum ist aber aktiv. Diese Wünsche oder Bedürfnisse würden sofort zum Aufwachen führen. Ein Beispiel: Sie haben abends etwas Salziges gegessen und empfinden in der Nacht Durst. Würden Sie nicht träumen, würden Sie gleich aufwachen, um etwas zu trinken. Der Traum stellt das Bedürfnis „Ich will etwas trinken“ als erfüllt dar. Auch Weckträume sind typisch: Der Wecker läutet und im Traum sind wir schon aufgestanden.

Aber wie lassen sich daraus verstörende oder beängstigende Träume erklären?

Walter Hoffmann: Das Wunschzentrum ruft auch Wünsche hervor, die im Laufe unserer Sozialisation ins Unbewusste verschoben wurden. Diese Kontrollinstanzen sind im Traum ausgeschaltet, dadurch kommen auch unangenehme Wünsche, die aggressiv oder sexuell sein können, an die Oberfläche. Sie würden ebenfalls zum Aufwachen führen. In unseren Träumen werden diese „verbotenen“ Wünsche verfremdet dargestellt. Albträume sind nichts anderes als missglückte Versuche, Wünsche als erfüllt darzustellen.

Sextraum

Der Geschlechtsakt wird im Traum häufig durch Stiegen- oder Bergsteigen, Überrollt- oder Überfahrenwerden dargestellt. Hier ist die Analogie zur „Woge der Erregung“, die uns beim sexuellen Höhepunkt überrollt, nicht von der Hand zu weisen. So lassen sich auch die meisten Verfolgungsträume als tief sitzende Angst vor dem Kontrollverlust deuten.

Laut Freud sind unsere Träume der Königsweg ins Unbewusste: Welche Rolle spielen Träume daher in der Psychotherapie?

Walter Hoffmann: Als Psychoanalytiker kann man über die Träume sehr gut erkennen, um welche unbewussten Wünsche es geht. Es ist so, dass die Realität, die uns Menschen bewusst ist, weit weniger entscheidend für unsere psychische Befindlichkeit ist als unsere Fantasien. Diese Fantasien steuern unser Verhalten zu einem großen Teil.

Nacktheitstraum

Unter Nacktheitsträumen versteht man Träume, in denen der Träumende in völlig unpassender Umgebung (z. B. im Theater) ganz nackt oder spärlich bekleidet ist.

Freud stellte eine Verbindung zwischen diesen Träumen und Wünschen aus der Kindheit her: Dadurch erfüllt man sich unbewältigte exhibitionistische Wünsche aus der Kindheit.

Ein Beispiel?

Walter Hoffmann: Hat man Streit mit einem Arbeitskollegen, ist das das reale Ereignis - was der Streit aber mit einem macht, welche Fantasien dadurch im Kopf entstehen, ob es Rachegelüste sind oder ob man sich selbst die Schuld gibt, das ist das Entscheidende. Diese Gedanken und Gefühle steuern unsere Befindlichkeit und wie wir die Welt wahrnehmen.

Durch unsere Träume anschauen, erkennen wir auch die Seiten, die wir vor uns selbst gerne verbergen.

Walter Hoffmann, Psychoanalytiker

Kann man seine Träume auch selbst deuten, um so mehr über sich zu erfahren?

Walter Hoffmann: Bei der Traumdeutung wird ein Traum in seine einzelnen Bestandteile zerlegt. Wichtig ist: Um einen Traum zu deuten, muss man immer die Erfahrungen des Träumenden miteinbeziehen. Nur durch die Assoziationen zum Erlebten kommt man auf die tiefere Bedeutung.

Wie findet man diese?

Walter Hoffmann: Indem man die Einzelteile der Träume aufschreibt und zu jedem Element ganz frei assoziiert. Das Schwierige ist nur: Wenn wir im Wachzustand assoziieren, sind die Kontrollinstanzen wieder am Werk, daher werden Assoziationen von uns weggeschoben, unter dem Motto: Das ist doch Blödsinn. Man müsste so couragiert sein, alles aufzuschreiben, auch wenn es absurd oder obszön wirkt.

Was gewinnt man aus dieser Ehrlichkeit?

Walter Hoffmann: Das Verständnis der Träume eröffnet uns sehr viel an Selbsterkenntnis. Wie wir sein möchten, wissen wir. Aber wenn wir die Träume anschauen, erkennen wir auch die Seiten, die wir vor uns selbst gerne verbergen.

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