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Evidenzbasierte Medizin

„Patienten müssen ihre Ärzte herausfordern“

Um Krankheiten richtig zu behandeln, braucht es das beste verfügbare Wissen: Solch evidenzbasierte Medizin hat es in Österreich aber oft schwer, sagt Experte Gerald Gartlehner. Ein Gespräch über bezahlte Studien, verheimlichte Ergebnisse und nötigen Druck durch Patienten . von Sonja Saurugger

Wie faktenbasiert ist Medizin?
Wie faktenbasiert ist Medizin? © (c) everythingpossible - Fotolia
 

Herr Gartlehner, Sie leiten das Cochrane-Institut in Österreich. Dieses internationale Netzwerk steht für unabhängiges Wissen. Was tut Cochrane?

GERALD GARTLEHNER: Cochrane ist ein Zusammenschluss von Ärzten, Wissenschaftlern und Konsumenten, mit dem Ziel, die Gesundheitsversorgung durch sauberes, objektives Wissen zu verbessern. Derzeit gibt es weltweit 32.000 Menschen, die bei Cochrane mitarbeiten, die meisten machen das unentgeltlich. Unsere Arbeit muss immer ohne Geld aus der Industrie ablaufen, denn nur so kann unabhängiges Wissen entstehen.

Warum braucht es so ein Netzwerk? Ist der Wissenschaft nicht zu trauen?

GARTLEHNER: In jedem Gesundheitssystem ist viel Geld im Umlauf – und die Versuchung ist groß, viel Geld damit zu verdienen. Pharmaunternehmen sind profitorientiert und Werbung spielt eine enorm wichtige Rolle. Dazu braucht es ein Gegengewicht. Viele Länder haben erkannt, wie wichtig dieses unabhängige Wissen ist: Norwegen zum Beispiel finanziert 30 Millionen Euro in ein unabhängiges Zentrum, das Wissen für die Bevölkerung aufzubereiten. Davon sind wir in Österreich noch sehr weit entfernt.

kk Gerald Gartlehner, Cochrane-Institut Österreich
Gerald Gartlehner, Cochrane-Institut ÖsterreichFoto © kk

Wie entstehen die sogenannten Cochrane-Berichte?

GARTLEHNER: Man beginnt mit einer Fragestellung: Dazu versucht man, die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Studien zu finden und zusammenzufassen. Das Problem dabei: 50 Prozent der Studien, die durchgeführt werden, werden gar nicht veröffentlicht.

Warum nicht?

GARTLEHNER: Weil sie nicht das zeigen, was die Auftraggeber zeigen wollten. Diese Studien sind dann auch schwer zu finden.

Was ist das Ergebnis einer solchen Fragestellung?

GARTLEHNER: Wir arbeiten ein bis zwei Jahre an einem sogenannten Cochrane-Review. Bei der anfänglichen Suche findet man vielleicht 5000 Studien, diese werden von zwei Wissenschaftlern unabhängig voneinander gelesen, beurteilt und ausgesiebt. Es bleiben vielleicht 20 Studien übrig, die wir uns sehr genau anschauen, ob sie korrekt durchgeführt wurden. Übrig bleiben jene, von denen wir glauben, dass sie gut gemacht sind – und daraus lassen sich die besten Schlüsse ziehen. Was übrig bleibt, soll das beste verfügbare Wissen sein.

Informationen

Das Cochrane-Institut Österreich ist an die Donau-Uni Krems angeschlossen. Weitere Infos finden Sie hier.

Gerald Gartlehner empfiehlt: Eine gute Adresse für verlässliche Gesundheitsinformation im Netz: www.gesundheitsinformation.de

Warum braucht es diesen Sortierungsprozess?

GARTLEHNER: Jedes Jahr werden zwei Millionen medizinische Artikel publiziert. Ohne diese Übersichtsarbeiten hat man eigentlich keine Chance mehr, das verfügbare Wissen zu managen. Man müsste 500 Studien pro Woche lesen, um am neuesten Stand der Forschung zu bleiben. Das ist für den einzelnen unmöglich.

Warum ist nicht jede Studie eine gute Studie?

GARTLEHNER: Es gibt enorme Unterschiede und oft ist das, was als Studie bezeichnet wird gar keine. Ein Beispiel ist eine vermeintliche Pille gegen Liebeskummer, die damit beworben wird, dass eine Studie zeigt, dass sie wirkt. Wir haben uns diese Studie angeschaut: Dabei hat man 15 Frauen, die Liebeskummer hatten, sechs Wochen lang die Pille gegeben und nach sechs Wochen ist es ihnen besser gegangen. Davon kann man natürlich nichts ableiten, denn auch ohne die Pille wäre es den Frauen nach sechs Wochen besser gegangen.

An welchen Qualitätskriterien kann man sich orientieren?

GARTLEHNER: Das wichtigste ist, dass es eine Kontrollgruppe gibt. Wir möchten wissen, ob etwas besser wirkt als ein Placebo, zum Beispiel. Denn auch wenn Medikamente nicht wirken, haben sie fast immer Nebenwirkungen. Ein weiterer Faktor ist, dass eine große Personenzahl eingeschlossen sein sollte, kleine Studien haben nur wenig Aussagekraft.

Welche Interessen können denn mit Studien bedient werden?

GARTLEHNER: Wir wissen, dass Studien, die von der Pharma-Industrie finanziert werden, ein positiveres Ergebnis zeigen, als die, die nicht so bezahlt wurde. Das zeigt die Verantwortung der öffentlichen Hand, Studien zu finanzieren. Doch in Österreich sieht es da sehr traurig aus.

Der Großteil der Patienten glaubt, dass sie nach dem letzten Stand der Wissenschaft behandelt werden – aber das ist oft nicht der Fall. 

Gerald Gartlehner

Sie sagen, für den einzelnen Arzt ist es unmöglich, immer am Stand der Forschung zu sein. Wer ist dann überhaupt der richtige Ansprechpartner in Gesundheitsfragen?

GARTLEHNER: Es gibt fantastische Ärzte, die versuchen, evidenzbasiert zu arbeiten und sich an Leitlinien halten. Aber es gibt leider immer noch Ärzte, die das nicht tun. Für den Laien ist es schwer, das zu erkennen. Man sollte einfach nachfragen: Gibt es Studien dazu? Oder was passiert, wenn ich nichts tue? Ist die Therapie überhaupt notwendig? Man muss immer Nutzen und Risiken abwägen.

Viele Patienten überlassen Entscheidungen, die ihre Gesundheit betreffen aber lieber dem Arzt.

GARTLEHNER: Ja, 50 Prozent wollen diese Fragen dem Arzt überlassen, aber die anderen 50 Prozent wollen mitreden! Denen muss man Fakten präsentieren. Doch diese Patienteninformation gibt es in Österreich auch kaum.

Was muss sich in Österreich ändern, um der evidenzbasierten Medizin mehr zu entsprechen?

GARTLEHNER: Österreich ist in der Medizin sehr hierarchisch. Wir würden uns wünschen, dass die Bevölkerung mehr Druck ausübt. Dass man als Patient die Ärzte ruhig herausfordert und fragt, ob die Therapie wirklich Sinn macht, ob es Studien gibt, die das belegen. Der Großteil der Patienten glaubt, dass sie nach dem letzten Stand der Wissenschaft behandelt werden – aber das ist oft nicht der Fall.

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Danke für Ihr Verständnis.

Uschinator
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Schön,

dass ein Arzt öffentlich bekennt, dass die Pharmaindustrie profitorientiert arbeitet und dass Studien, die nicht das vom Auftraggeber gewünschte Ergebnis bringen, erst gar nicht veröffentlicht werden. So werden die Menschen manipuliert, um noch mehr Medikamente zu verkaufen, die eigentlich gar keine (oder nicht die richtige) Wirkung haben, nur um der Pharmaindustrie noch mehr Profit zu verschaffen

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vk333
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Die Ärzte haben es aber auch nicht leicht

Die Patienten erwarten alles von ihnen, ein paar Spritzen hier, ein Pulverl dagegen, eine Chemo gegen Krebs. Alles einfach zu bekommen, es macht keine Mühe und natürlich will ich auch gesund aus der Praxis gehen.... Das spielts aber leider nicht. Ohne Opfer, ohne Verzicht z.B. bei einer Ernährungsumstellung wird es nicht gehen. Aber das is ja dann schon wieder zu kompliziert.

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globali
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Kommt umgekehr genauso vor

Mein Frauenarzt wollte ständig von mir wissen, ob ich irgendwelche Rezepte von ihm haben möchte. Extrem nervig! Ich nehme nämlich quasi gar keine Medikamenterln zu mir, hab' ihm das auch mitgeteilt und konnte diese bescheuerte Fragerei nach jedem Termin trotzdem nicht abstellen.

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vk333
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sehr gut

ich bin der Meinung, ohne Medikamente lebt sichs besser. Hie und da mal ein Aspirin gegen Kopfweh, das reicht dann schon.
Wir dürfen auch nein sagen. Höflich, aber bestimmt. :)

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vk333
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achja die Ärzte

Ich habe seit über 20 Jahren schon MS. Da ich so gut wie jede Symptomtherapie vermeide, habe ich bei der zuständigen Fachärztin (Spital) keine guten Karten - sie geht mir einfach aus dem Weg.
Mit der Alternativmedizin geht es mir wirklich gut, man kennt mir nicht mal was an.
Also welcher "Fachmann" will mir da was sagen?

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Katza
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Sie sind ein schlechtes Vorbild

Nur weil Sie vielleicht Glück haben, und ihre Krankheit langsam voranschreitet, schüren Sie Misstrauen gegenüber den Ärzten.
Ich will nicht die Wirksamkeit ihrer "Alternativmedizin" absprechen (welche Form davon auch immer genau gemeint ist, ein paar konkreten Angaben über den Behandlungsablauf wären schön), jedoch klingt für mich ihr Beitrag so, wie ein 90-Jähriger Kettenraucher, der Glück hatte und jetzt andere davon überzeugen will, dass es ja "gar nicht so schädlich" ist. Nur die anderen, die Pech hatten und schon krank oder tot sind, fragt niemand.

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vk333
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und ich sage

wir haben allen Grund zum Misstrauen. Eine Verwandte wurde praktisch zu Tode therapiert (Chemo, Strahlen, Tabletten). Möchte nicht wissen, was das gekostet hat.
Jetzt ist sie am Ende und sie können nix mehr machen. Naja, vielleicht kann man ja noch eine Chemo reindrücken, so quasi zum Abschied.
Sie hat drauf vertraut, das war halt Pech.
Ich sag, das ist alles größtenteils NUTZLOS.

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natürlich, weil

ohne chemo wären deine verwandten alle 200 jahr alt worden gell?

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vk333
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ja ich weiß

es klingt verbittert, was ich geschrieben habe. Aber was kann sie jetzt noch machen? Die Therapien haben ihr die letzten Kräfte geraubt...
Sie ist 42....

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Mehr denken - weniger ausgenutzt werden

Endlich traut sich jemand zu sagen wie es ist.
Zum Arzt gehen und mal hinterfragen, was er sagt und um eine alternative
Therapieform bitten, sollte bei jedem, der selber denken kann, zum Standard gehören.
Nur Denken und Handeln trauen sich leider nicht viele.
Einfach Mut haben, jeder qualifizierte Arzt wird dankbar sein und nicht gleich abblocken.

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Na, dann fordert mal euren Hausarzt heraus und macht ihm Druck!


Der ekelt euch ruckzuck aus seiner Prsxis hinaus! In den Krankenhäusern bekommst dann entsprechende Vermerke in das Patientensystem!

Ist das ein Deutscher? Die haben so Superratschläge!

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wenn du seine zeit zahlst,

wird er dir gerne zuhören...wenn du nir erwartest, dass anderen deine gesundheit alles wert ist und der kassenarzt dein eigendiagnosegeschwafel bei fünf bezahlten minuten eine stunde lang anhört....nun, dann würd dich auch jeder mechaniker aus reinem selbstschutz aus seiner werkstatt verjagen lol

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Dann zahl deinem Doktor ruhig eine goldene Nase!


Er wird die dann eine Therapie, Kur, Operation einreden - natürlich privat - die ein guter Kollege von ihm ausgetüftelt hat und an deren Folgen du Jahre laborieren wirst. Du wirst von einem teuren Anwalt zum nächsten rennen und fest auf das Gesundheitssystem schimpfen! LOL

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klagenfurter ich

versteh deine verzweiflung, aber ich glaub, dir kann der beste doc auch net wirklich helfen mit deinen symptomen....
wo genau habe ich geschrieben, dass ich privatversichert sei?
ich habe lediglich geschrieben, dass du dich nicht aufregen brauchst über angebliche "vermerke" und über rauswürfe aus der praxis, denn EGAL, wem du so kommst, das wird sich keiner von dir gefallen lassen.
nur weil dir gesundheit nix wert ist, heisst das übrigens nicht, dass du alles, was du als laie meinst dafür zu brauchen, auch umsonst kriegst ;-)

ich schimpf übrigens nicht aufs gesundheitssystem, ich kenne auch andere systeme und glaub mir, wir leben im gelobten land.

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