Hirnforscher Gerald Hüther fordert:Eltern, lasst eure Kinder endlich spielen!

Freies Spielen ist wie Dünger für das Gehirn, sagt Neurobiologe Gerald Hüther. Lesen Sie in diesem Interview, warum Kinder dringend wieder damit anfangen müssen.

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Viel hilft viel. Zumindest beim Spielen. © (c) Getty Images/iStockphoto (Kuzmichstudio)
 

Sie setzen sich seit Jahren für das freie Spiel ein. Was meinen Sie eigentlich damit?

Gerald Hüther: Wenn wir über das freie Spielen bei Kindern reden, meinen wir damit das unbekümmerte Ausprobieren – möglichst ohne Beaufsichtigung und Bevormundung durch Erwachsene. Und vorzugsweise in Gemeinschaft von anderen Kindern. Erst dann, wenn Kinder unterwegs sind und sich die Eltern auf eine Bank setzen und die Kinder in Ruhe lassen, dann ist das, was die Kinder tun, auch wirklich spielen.

Wie fördert das Spielen die kindliche Entwicklung?

Spielen hilft, das eigene Potenzial zu entdecken. Deshalb ist es für Eltern interessant, ihren Kindern dabei zuzuschauen und herauszufinden, womit sich das Kind gerne beschäftigt und wo es ein besonderes Geschick hat.

Was macht das mit Kindern, wenn ihnen das freie Spiel verwehrt wird?

Wenn ein Kind frei und unbeschwert spielen darf, ist das ein Zeichen dafür, dass es ihm gut geht. Wenn es einem Kind schlecht geht, spielt es nicht. Das Spiel ist der Bereich im Leben eines Kindes, in dem es der Gestalter seiner eigenen Lernprozesse ist. In allen anderen Lebenslagen bekommt es gesagt, was es zu tun und zu lassen hat. Dann kommt die lange Leier von Belehrungen und Erwartungen. Die Erfahrung, sich selbst nicht mehr als Entdecker dieser Welt erfahren zu dürfen, hat schmerzhafte Auswirkungen. Das Ergebnis: Kinder wehren sich. Im großen Maßstab sieht man, dass Kinder nicht mehr gerne lernen.


Setzt sich für das freie Spiel ein: Hirnforscher Gerald Hüther Foto © KK

Was kann man von Kindern erwarten, die schon im Kleinkindalter ein Handy in die Hand gedrückt bekommen?

Digitale Geräte sind Werkzeuge wie Hammer und Meißel. Aber sie sind die ersten Werkzeuge, mit denen man nicht nur ein Werk vollbringen kann, sondern mit denen sich Gemütszustände wie Langeweile oder Wut stillen lassen. Dadurch entsteht etwas Gefährliches: Kinder lernen nicht, wie sie ihre Affekte im echten Leben regulieren. Das passiert dann bei Spielen im Internet. ,Wir müssen eine Stunde rumballern, um runterzukommen‘, sagen meistens die Buben, wenn sie von der Schule kommen. Es geht darum, den Frust loszuwerden, den sie angesammelt haben. Bei den Mädchen ist es so, dass sie in den sozialen Netzwerken sind, weil sie diese Einsamkeit nicht aushalten. In der Schule wird konkurriert und einer will besser sein als der andere. Wenn man keine echten Freunde im Leben hat, braucht man ersatzweise 150 auf Facebook.

Die virtuelle Welt wird zur Lebensrealität.

Man ist vernetzt und es gibt Gemeinschaften. Aber man ist nur mit anderen Menschen verbunden, wenn man ihnen von Angesicht zu Angesicht begegnet. Es verbinden sich keine Menschen, sondern Handgriffe. Man kann das auch daran sehen, dass im Internet viel gemobbt wird. Wenn ich kein Gegenüber habe, das anfängt zu weinen, wenn ich es beschimpfe, dann gibt es keine natürliche Bremse mehr, die mir zeigt, was ich mit meinen Worten anrichte. Diese virtuellen Medien machen es möglich, dass man sich in beliebiger Weise äußert, ohne Betroffenheit erleben zu müssen.

Zur Person

Gerald Hüther ist ein deutscher Neurobiologe sowie Autor mehrerer Bücher zum Thema Erziehung, Schule und Gehirnfunktionen. Er wirkt als Vorstand und Vortragender der „Akademie für Potenzialentfaltung“, die von ihm gegründet wurde. Hierzulande macht er sich für die Initiative „Lernwelt Österreich“ stark. Das Ziel: Projekte zu unterstützen, die sich für die Freude am gemeinsamen Entdecken, Gestalten und Lernen einsetzen. Info: www.lernwelt.at

Kommentare (4)
eadepföbehm
4
9
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Nachmittagsbetreuung, Horte und Ganztagsschule abschaffen.

Sonst kann das nicht funktionieren.
Seitens der Politik wird aber eine Entwicklung in die Gegenrichtung vorangetrieben..

AIRAM123
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In Graz dürfen manche Kinder

... nicht mal allein zur Schule gehen und es gibt Eltern die mit 9-10 jährigen noch im
Hof herumstehen...
Ich fühl mich manchmal wie ein Rabenelternteil wenn ich mein Kind allein rausschicke... (wohlgemerkt nicht am Gries sondern schon fast am Grazer „Land“)

Sam125
0
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Lasst eure Kinder spielen! Ja, lasst sie im Garten, Wald und auf der Wiese

spielen! Als ich vor X Jahren in die Stadt zog, wunderte ich schon damals wie "streng" und ungemein "sauber", mein Partner in der Stadt aufwuchs! Und das war schon schon vor mehr als 50 Jahren so! (wie schaut es dann erst heute aus?) Wir haben uns am Land, im Wald und auf den Wiesen und mitten unter allen möglichen Tieren ausgetobt und hier in der Stadt? Meinen Kindern gab ich daher soviel Freiraum wie es nur möglich war! Die Struktur und die gesellschaftliche Wertigkeit war und ist in der Stadt auch heute noch eine andere, obwohl die Menschen auf dem Land leider auch schon stark aufholen! Dabei ist es bestimmt vollkommen egal, ob sich die Kinder vor 50 Jahren,oder in der heutigen Zeit, in der freien Natur bewegen und austoben dürfen! Wichtig ist nur, dass SIE es tun dürfen!! Und ja, ich weiß der Leistungsdruck ist heutzutage schon so stark, aber was hilft es wenn ganze Generationen von Kindern seelisch verkümmern, und sie in "Glaskäfige" gesperrt und ständig überwacht werden!

HPIK1RXCA6MZ63IL
0
22
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Man sieht an dieser "Erkenntnis" eines Hirnforschers

wie weit diese Gesellschaft bereits degeneriert ist, wenn jahrzehntealtes (oder sogar Jahrhunderte altes) Wissen bzw. Erziehungsverhalten unserer Vorfahren wieder aufgewärmt werden muss.