FamilieWie Kinder eine Sprache lernen

Bis ins Vorschulalter lernen Kinder eine zweite Sprache spielerisch. Die Gefahr einer babylonischen Sprachverwirrung besteht nicht.

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Vielen Kindern, die bilingual aufwachsen, fällt es später leichter, weitere Sprachen zu lernen © VIS Corp - stock.adobe.com (DAN TOTILCA)
 

Es passiert einfach. Durch ständiges Hinhören, Imitieren, Ausprobieren, Kommunizieren. Durch Erfolgserlebnisse, Fehlermachen und Ausgebessertwerden: Das Erlernen der Muttersprache läuft bei Kindern meist im Autopilot-Modus: ungesteuert, intuitiv und hoch motiviert.Was aber, wenn im Elternhaus zwei Sprachen gesprochen werden? Die Mutter redet Französisch, der Vater Russisch - kann das Kind dann keine der beiden Sprachen richtig? Die Mutter spricht Türkisch, der Vater Spanisch - was bringt das dem Kind? Die Mutter unterhält sich nur auf Deutsch mit dem Nachwuchs, der Vater ausschließlich auf Englisch - kann das funktionieren? Ja, sagen Sprachwissenschaftler, Pädagogen und Psychologen. Ja, sagen auch Flora und Kevin Center.

Gehirnakrobatik

Die beiden - sie aus Stainach im Ennstal, er aus den USA stammend - erziehen ihre Kinder zweisprachig. Lilly, sieben Jahre alt, und Noah (5) wachsen seit ihrer Geburt in einem dualen Sprachkosmos auf. Es sind die besten Voraussetzungen, da die Kinder nicht nur von Beginn an in permanentem und spielerischem Kontakt mit beiden Sprachen sind, sondern beim Erlernen auch der Grundsatz gilt: Je jünger, desto besser, weil sich mit Beginn der Pubertät die Sprachwahrnehmung ändert.
Bis zum vierten Lebensjahr gibt es dagegen ein Zeitfenster, innerhalb dessen eine Sprache besonders leicht erworben wird, erklärt Peter Hummer, Psycholinguist an der Universität Salzburg. Im kindlichen Gehirn bilden sich bis dahin nämlich grundlegende Netzwerke für Sprachverarbeitung. Begegnet ein Kind in dieser Phase einer weiteren Sprache in ausreichender Quantität und Qualität, dann wird diese Zweitsprache auf dieselbe Weise erschlossen wie die Muttersprache.

KK
Familienalltag im deutsch-englischen Sprachenkosmos: Lilly, Kevin, Flora und Noah © KK

Bei Lilly und Noah ist das so - wobei die beiden auf ihren bipolaren Sprachschatz situationselastisch zugreifen. Sie können genau unterscheiden, bei wem und in welcher Situation sie welche Sprache anwenden. Beim Streiten beispielsweise hängt es davon ab, welcher Elternteil im Raum ist: „Wenn es Kevin ist, dann hört man ,Give it back' oder ,This is mine'. Bei mir wird auf Deutsch gestritten. Wenn weder Kevin noch ich im Raum sind, streiten sie ebenfalls auf Deutsch“, erzählt Flora Center.

Das Beste aus zwei Welten?

In normalen Gesprächssituationen antworten sie ihr auf Deutsch, Kevin bekommt die Antworten dagegen immer auf Englisch - wenn auch nicht immer grammatikalisch ganz richtig: Noah ist derzeit in einer Phase, in der er oft vom Deutschen ins Englische übersetzt, zum Beispiel „I want not play“ sagt - vom Deutschen „Ich mag nicht spielen“ statt „I don't want to play.“ Während er die Vokabel aber nicht mixt, verwendete seine Schwester Lilly, die in Florida den Kindergarten besuchte, im Alter von etwa drei Jahren ab und zu eine Mixsprache, erinnert sich die Mutter. Manchmal habe die Tochter eine Hälfte des Satzes in Englisch, die andere Hälfte in Deutsch gesagt. Das Ergebnis: „I go zur Schaukel.“ Das sei - wie auch grammatikalische Fehler oder ein generell späteres Mit-dem-Sprechen-Beginnen normal, beruhigen Experten. Die Gefahr, nachhaltig überforderte und im Sprachendschungel verirrte „Halbsprachler“, die nur Flickwerksätze sprechen, heranzuziehen, bestehe nicht. Im Gegenteil. Vielen Kindern, die bilingual aufwachsen, fällt es später leichter, weitere Sprachen zu lernen - auch wenn mit zunehmendem Alter die intuitive Herangehensweise allmählich verloren geht, auch weil häufig der direkte Bezug zum Alltag fehlt.

Eine gefestigte Muttersprache als Voraussetzung

Entscheidend seien als Orientierungshilfe jedenfalls klare Einsatzgebiete nach dem Motto „Eine Person - eine Situation - eine Sprache“. Und dass die Eltern jene Sprache mit den Kindern sprechen, die sie am besten beherrschen. Denn auch die Muttersprache profitiert zwar davon, wenn man früh eine zweite Sprache lernt. Umgekehrt braucht es aber eine gefestigte Muttersprache als Bezugsrahmen. Ansonsten spricht man zwar zwei Sprachen - aber beide schlecht.

 

Kommentare (1)
Kristianjarnig
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1
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Nichts wirklich neues.

Mein Sohn wuchs 3 sprachig auf - Mutter Italienerin, Vater Österreicher.

Zwischen den Eltern wird auf Englisch kommuniziert weil es so von Anfang an(vor 19 Jahren) funktioniert hat. Jede Kommunikation in einer der 2 Landessprachen verlangsamt die Kommunikation zwischen den Eltern und sorgte auch für Mißverständnisse ;-) . Daraufhin blieben wir bei Englisch.

Sohn, 16 Jahre - wuchs, je nach Arbeitsland des Vaters in Deutschland, Österreich, dem Mittleren Osten, Italien auf. Mutter sprach immer Italienisch mit Ihm(bis heute), ich Deutsch, nebenbei lernte er ab 4 auch noch Englisch weil er verstehen wollte was Mama und Papa sich so zu sagen haben ^^.

Tochter, 6 Jahre- detto. Wobei sie jetzt in Italien aufwächst(hier stationiert seit 2009) und es somit etwas schwerer ist ihren Wunsch nach anderen Sprachen(E, D) zu wecken.
Ich spreche zwar fast durchwegs Deutsch mit ihr, aber es ist deutlich langsamer als es bei meinem Sohn der Fall war.

Das Land in dem man lebt ist wohl bei jedem normalen Kind und Elternhaus(weil es in der Kultur das Gastlandes lebt) das am meisten Prägende. Sicher können die Eltern dann noch mithelfen indem sie z.b. (beschränkten) Zugang zu z.b. deutschsprachigen Kindersendungen gewähren. Auch so lernt man spielend.

Vielsprachig aufzuwachsen ist für Kinder ein "Kinderspiel". Ich wünschte es ginge bei Erwachsenen auch so leicht ;-)