Beziehungsvolle Pflege ist die erste Säule in der Pikler-Pädagogik. Was steckt dahinter?
DORIS LEPOLT: Es geht insgesamt darum, einen ganz anderen Blick aufs Kind zu haben, als sonst so üblich ist. Wir sehen das Kind als empfindsames Wesen von Anfang an, als "gleichwürdig", nicht als Objekt. Wenn wir das Kind von Anfang an so sehen, geht man automatisch anders damit um. Man spricht viel mit dem Kind, kündigt an, was man mit ihm tut, bezieht das Kind mit ein und interessiert sich beim Anziehen, Wickeln oder Waschen dafür, wie es dem Kind damit geht. Man geht davon aus, dass das Kind von Anfang an alles versteht und behandelt es auch so. So bekommen die Kinder etwas Wertvolles: Achtsamkeit und Zuwendung. Wie ich das Kind hochhebe und angreife, drückt auch meinen Respekt aus. Gerade Kinder in dieser vorsprachlichen Zeit nehmen ganz viel über den Körper wahr und da macht es eben einen Unterschied, ob das Kind mit hektischen Bewegungen angefasst wird oder ob es angenehme Berührungen sind; ob es wie ein Ding hin- und hergewendet wird oder ob ich ihm sage: "Ich drehe dich auf die Seite, ich möchte dir das Leiberl zumachen." Und es sich darauf einstellen kann.

Die zweite Säule von Emmi Pikler besagt, dass Kinder von Anfang an das Bestreben nach Autonomie haben. Trifft das wirklich schon auf Babys zu?
DORIS LEPOLT: Es ist von Anfang an ein Wunsch, auch wenn sich das  autonome Tun da noch auf das Betrachten ihrer Hände und der nächsten Umgebung beschränkt. Oft wird gesagt, man soll die Kinder immer am Körper haben, ständig tragen, um fortzusetzen, was im Mutterleib war. Beim Pikler'schen Ansatz sieht man, dass es beides gibt: Die beziehungsvolle Pflege ist die Basis für die autonome Spielentwicklung. Fehlt die sichere Bindung, ist das Kind emotional nicht "satt". Es lässt sich nicht weglegen, um zu spielen, weil es bedürftig bleibt.