Jeffrey Dahmer: Dieser Namen wurde in den letzten Wochen weltweit bekannt. Der Grund dafür: Netflix veröffentlichte eine Serie über den Serienmörder aus den USA. Und diese ging viral. 701,37 Millionen Stunden wurde "Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer" in den ersten drei Wochen seit der Erscheinung angesehen. Damit hat er die Serie "Bridgerton" überholt und nur noch die vierte Staffel "Stranger Things" vor sich in der Reihung der meistgestreamten Netflixproduktionen.

Doch die Faszination für diesen Serientäter ist kein Einzelfall. Das Genre True Crime (deutsch: wahre Verbrechen) erlebt in den letzten Jahren einen regelrechten Aufschwung. Unzählige Podcasts und Serien blicken zurück auf die erschreckendsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und feiern damit haarsträubenden Erfolg.

Und auch abseits von wahren Verbrechen setzen sich viele gerne mit dem Schaurigen auseinander. Horrorfilme und -serien werden wie am Fließband produziert und gerade jetzt, vor Halloween, dem Hochamt des Gruselns, warten sämtliche Streamingportale mit einem reichen Angebot an schaurigen Geschichten auf. Neben Neuproduktionen werden auch Klassiker wieder in die Online-Bibliothek geladen und diese freuen sich über unzählige Klicks. Denn für viele ist es schon fast ein Ritual, sich im Herbst jährlich Filmreihen wie "Scream" oder "Freitag der 13." zu Gemüte zu führen.

Und auch bei einigen, die keine Fans vom bewegten Bild sind, hält das Gruselige im Alltag Einzug – etwa im Bücherregal. Nicht nur, dass der Erfolg von Autoren wie Stephen King auch nach Jahrzehnten ungebrochen scheint, auch Krimis aller Art boomen, blutrünstige Geschichten nehmen in Büchereien und E-Book-Stores reale und virtuelle Regale ein. Doch warum gruseln wir uns so gerne?

"Sich quasi absichtlich zu gruseln, hat etwas mit der Freude am Nervenkitzel zu tun. Wir erleben dabei gewisse Emotionen, die auch lustbesetzt sind", sagt Sozialpsychologe Andreas Hergovich von der Uni Wien. "Beim Gruseln durch Filme oder Ähnliches hat man die Möglichkeit, etwas zu erleben, das mit Angst oder Furcht zu tun hat, ohne sich wirklich in Gefahr zu befinden." Dadurch könne man die Gefühle erleben, die man auch in der Gefahrensituation hätte, während man gemütlich und in Sicherheit auf der Couch oder im Bett liegt.

"Was man auch weiß, ist, dass es Menschen gibt, die eine Lust nach Abenteuer verspüren und diesen Kick suchen – so etwa im Extremsport. Wer diese Tendenz hat, ist auch eher geneigt, diesen Kick etwa im Gruseln zu suchen", so Hergovich. Außerdem bietet das Erleben von Furcht durch Film oder Ähnliches auch die Möglichkeit, daran zu wachsen.


Die Lust an der Angst scheint auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein. Tatsache ist jedoch, dass die körperliche Reaktion, welche durch das "emotionale Programm" Angst hervorgerufen wird, nämlich die Freisetzung von diversen Stresshormonen, durchaus einer Art "Rausch" gleichgesetzt werden kann, erklärt Robert Queissner, Psychiater an der Med Uni Graz. "Mindestens bei allen höheren Säugetieren zeigt sich Angst in unterschiedlicher Ausprägung, mit dem gemeinsamen Sinn, die jeweilige Lebensform vor potenziellen Gefahren gegen Leben und Gesundheit zu schützen."

Neu sei die Lust am Gruseln aber nicht, sagt Hergovich. "Ich denke, es hat sich nur das Medium verändert – im Grunde ist die Freude am Gruseln wohl so alt wie die Menschheit selbst." Früher habe man sich durch Erzählungen wie etwa Märchen gegruselt, dann über große Romane und Kinofilme und heute habe sich das ganze eben ins Internet verlagert. Und es gibt Unterschiede zwischen den Menschen, was das Bedürfnis nach Schaurigem angeht: "Manche lieben es, Horrorfilme zu schauen, andere mögen es gar nicht." Begründet sei dies in den gemachten Erfahrungen und in der Persönlichkeit.

Das Makabre und Ekelige 

Neben der Lust an der Angst steht zu Halloween auch das Makabre und Ekelige im Vordergrund, Horrorfilme spielen gerne mit recht plastischen Darstellungen von Verletzungen oder Schlimmerem. Halloween eröffnet die Möglichkeit, in einem sozial akzeptierten Rahmen diese Grenzen zu überschreiten. Indirekt dient dieses "gezielte Brechen" eines Tabus zu gewissen Zeiten und in bestimmten Situationen zu dessen Kräftigung, meint Queissner. "Wobei in der heutigen Zeit in der zeitgenössischen Ausrichtung dieses Festes wahrscheinlich eher kommerzielle Interessen in der Ausübung gewisser Bräuche im Vordergrund stehen und sich nicht jedes Detail aus einem tiefsinnigen kulturhistorischen Prozess ableiten lässt.