Ortschaften werden nicht nur immer größer, sondern auch immer heller: Straßenlaternen, Werbereklamen und andere Lichtquellen erobern das Landschaftsbild. Die 24-Stunden-Gesellschaft kennt keine Pause, der natürliche Tag-Nacht-Wechsel wird verdrängt, die Nacht wird zum Tag. Experten der verschiedensten Fachsparten warnen seit Jahren vor den Folgen der stärker werdenden Erleuchtung – der sogenannten Lichtverschmutzung.

Insekten und die "helle Not"

Dass die Aufhellung des Nachthimmels nicht spurlos am Ökosystem vorbeigeht, erklärt Andreas Hantschk, Biologe und Museumspädagoge am Naturhistorischen Museum Wien. „Gerade nachtaktive Lebewesen werden durch das künstliche Licht bei ihrer Suche nach Futter oder bei der Fortpflanzung gestört“, sagt der Experte. Er erzählt von nachtaktiven Schmetterlingen, die von künstlichen Lichtquellen angezogen werden und deshalb sterben – „entweder vor Erschöpfung oder weil sie von anderen Tieren entdeckt und gefressen werden.“ Neben dem Klimawandel, Pestiziden und einem Lebensraum, der immer kleiner wird, sei Lichtverschmutzung mitunter ein Mitschuldiger am Insektensterben.

Ökosystem: Kreislauf gestört

Dass Kunstlicht die Nacht erleuchtet, hat auch Folgen für Zugvögel, die sich auf Wanderschaft befinden und die Sterne, den Mond oder das Magnetfeld als Orientierung nutzen. Fremde Lichtquellen führen allerdings zu völliger Desorientierung und verdrängt die Tiere von ihren gewohnten Routen. „Erwähnenswert“, so der Experte, „sind zum Beispiel Waldschnepfen, die immer wieder während ihrer Zugzeit in der Wiener Innenstadt gegen Scheiben fliegen.“ Und: Beginnt mit dem Frühling normalerweise das Brutgeschäft der Vögel, kann Kunstlicht das Verhalten der Vögel verändern – die Eiablage startet früher, was Gefahr mit sich bringt: „Die Tiere können durch einen Wintereinbruch Schaden erleiden.“


„Solche Dinge stören den natürlichen Kreislauf“, sagt Andreas Hantschk und plädiert gleichzeitig für eine Bewusstseinsänderung im Umgang mit Licht. Ein Ansatz wäre, so Hantschk, bei der Anbringung von Straßenbeleuchtung ein anderes Lichtspektrum zu verwenden sowie Lampen zu wählen, die insofern nach oben abgeschirmt sind, dass sie nur dorthin leuchten, wo das Licht tatsächlich gebraucht wird. Und auch Einzelpersonen können sich im verantwortungsvollen Lichtmanagement üben. Etwa im umsichtigen Umgang mit Schmuckleuchten im eigenen Garten.

Trüber Blick über die steirische Landeshauptstadt: Lichtkuppel über Graz
© Matthias Pfragner

Sterne: Licht trübt den Blick

80 Prozent der Menschen haben einen lichtverschmutzten Himmel über sich. Und ein Drittel sieht die Milchstraße nicht. Darauf wurde auf dem Weltkongress der Internationalen Astronomischen Union im Jahr 2018 aufmerksam gemacht.


Matthias Pfragner vom Steirischer Astronomen Verein erklärt: „Umso stärker der Himmel beleuchtet wird, desto schlechter sieht man die Sterne.“ Sprich: Nur die allerhellsten Sternbilder, zum Beispiel der „Große Wagen“, schaffen es, gegen die künstlichen Lichtquellen „anzustrahlen“. Der Rest ist mit dem freien Auge nicht mehr sichtbar, verblasst und bleibt für den Betrachter quasi verborgen. Ein Problem, das laut Pfragner vor allem im städtischen, stark beleuchteten Bereich auftrete und aus seiner Sicht sehr traurig sei: „Verschwindet der Blick auf die Sterne, geht ein natürliches Gut verloren.“

Wie Sie trotzdem die Perseiden sehen

Was aber tun, um sich von der Lichtglocke nicht die Sicht nehmen zu lassen? Für den perfekten Ausblick rät Pfragner dazu, die Stadt zu verlassen: „Suchen Sie sich einen Aussichtspunkt, der hoch und vor allem dunkel gelegen ist.“ Ein Tipp, der gerade im August sehr hilfreich sein wird, steht zu dieser Zeit doch der Sternschnuppenregen der Perseiden an. In diesem Sinne: einen guten Ausblick!

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