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Arzt Christian Schubert fordert "Wir brauchen eine neue Zuwendungsmedizin"

Wir sind Beziehungswesen, dennoch sind wir in einer Maschinen-Medizin gefangen: Das sagt Christian Schubert. Der Arzt und Psychotherapeut reißt die Mauern zwischen Körper und Seele nieder, und das mit eindeutigen Beweisen aus dem Labor.

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Mature female in elderly care facility gets help from hospital personnel nurse. Close up of aged wrinkled hands of senior woman. Grand mother everyday life.
© Evrymmnt - stock.adobe.com
 

Herr Schubert, Sie beforschen an der Med Uni Innsbruck die Psychoneuroimmunologie. Können Sie erklären, was hinter dem komplizierten Begriff steckt?
Christian Schubert: Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus einer Studie: Studenten bekamen eine Adrenalinspritze, die dazu geführt hat, dass die natürlichen Killerzellen im Blut angestiegen sind – das sind Abwehrkämpfer des Immunsystems. Gleichzeitig mit der Spritze bekamen sie auch ein Brausebonbon. Dieses Prozedere hat man vier Tage lang wiederholt – am fünften Tag bekamen die Studenten nur noch das Bonbon, und auch da stieg die Zahl der Killerzellen im Blut an. Das Immunsystem wurde also konditioniert. Das Experiment war der Start der Psychoneuroimmunologie, denn es zeigt: Die Systeme in unserem Organismus sind vernetzt und arbeiten nicht unabhängig voneinander!

Von welchen Systemen sprechen wir hier: Körper und Seele?
Es gibt eine konstante Wechselwirkung zwischen dem Hormon-, dem Nerven- und dem Immunsystem in unserem Körper. Das ist der Kern der Psychoneuroimmunologie: Zwischen den Systemen gibt es keine Grenzen – und das gilt auch für die Verbindung mit der Umwelt. Die Psychoneuroimmunologie liefert die wissenschaftlichen Beweise dafür, dass es eine ganzheitliche Medizin braucht.

Hat sich diese Erkenntnis, das Zusammenspiel aller Systeme im Organismus, in der Medizin schon etabliert?
Nein, der Großteil des Gesundheitssystems tickt noch maschinenideologisch. Der Mensch wird wie eine Maschine gesehen, diagnostiziert und behandelt, Körper und Seele werden getrennt. Leider wird dabei übersehen, dass ein Großteil unserer Erkrankungen, vor allem jene, die chronisch sind, mit der Lebenssituation eines Menschen zusammenhängen. Unsere Beziehungen, die Gesellschaft, unverarbeitete Konflikte: All das kann krank machen und Krankheiten aufrechterhalten. Die Medizin versagt gerade dort, wo Krankheiten ganzheitlich zu sehen sind.

Von welchen Krankheiten sprechen wir zum Beispiel?
Zum Beispiel ist bekannt, dass Autoimmunerkrankungen stark mit psychischen Faktoren und sozialen Umständen zusammenhängen. Diese Krankheiten steigen rasant an, denken Sie an Rheuma, multiple Sklerose oder chronische Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa. Patienten selbst wissen oft, dass die körperlichen Beschwerden mit ihrer psychischen Situation zu tun haben, mit Stressoren, den Dingen des Alltags, die emotional berühren. Doch eine Maschinen-Medizin will das nicht sehen. Körper und Psyche sind aber bei allen Erkrankungen untrennbar verbunden.

Wie wird aus einer psychischen Belastung eine körperliche Krankheit?
Viele Menschen, die im Erwachsenenalter an körperlichen Erkrankungen leiden, haben früh im Leben schwere psychische Belastungen erlebt. Solche Erlebnisse verändern das Stress-System: Die Menschen sind zunächst chronisch gestresst, sie haben zu viel Kortisol im Blut, leiden häufiger an Infektionen, Allergien. Irgendwann kommt es zu einer Unterfunktion des Stresssystems: Nun wird zu wenig Kortisol ausgeschüttet, sodass Entzündungen im Körper nicht mehr unterdrückt werden. Der Organismus gerät in einen dauerhaften Entzündungszustand. Das ebnet den Weg für Stoffwechselkrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch Krebs.

Welche Traumatisierungen können diese chronische Entzündung auslösen?
Das kann schon im Mutterleib passieren: Übermäßiger Stress der Mutter, Beziehungsprobleme oder finanzielle Sorgen können direkte Effekte auf das ungeborene Kind haben – und die Probleme setzen sich nach der Geburt meist fort. Wir wissen, dass Menschen, die unter instabilen und emotional vernachlässigenden Bedingungen aufgewachsen sind, später öfters an Stresssymptomen und Erkrankungen leiden. Die Leistungsanforderungen der Gesellschaft, die ja immer schlimmer werden, tun ihr Übriges.