DIE FRAGE: Wir haben zwei Kinder, sind seit 20 Jahren verheiratet, es passt alles und es passt vieles nicht. Ich frage mich immer öfter, ob das alles gewesen sein soll. Es fehlt die Spannung, es ist ein Trott. Soll ich ausbrechen?

Victor Chu antwortet:

Eine Hausfrau mit ebenfalls zwei Kindern hat mir einmal gesagt, es sei eine Sache, jemanden zu lieben und eine andere, mit ihm den Alltag zu teilen. Sie fühle viel Unzufriedenheit und Frust, auch bei ihrem Mann. Beide würden merken, dass es mehr mit täglichen Belastungen zu tun habe als mit dem Partner.

Wer kennt nicht, was hier beschrieben wird? Besteht unser Leben doch weniger aus Festen denn aus Routine und Pflicht. Natürlich sind routinemäßige Verrichtungen wichtig, besonders im Familienleben.

Wo gibt es aber noch Raum fürs Unerwartete, Ungeplante, Überraschende? Neben unserem Bedürfnis nach Sicherheit kennen wir auch den Drang nach Freiheit, die Sehnsucht nach Aufregung und Spannung. Sonst stumpfen unsere Sinne ab, schläft unser Hirn ein. Wir erlahmen, fühlen uns mehr tot als lebendig.

War es das?

Nicht zufällig werden Menschen mittleren Alters von der Frage gepackt: War das alles? Diese Hausfrau spürte, dass ihrer Beziehung etwas Wesentliches fehlte, obwohl sie sich lieben. Sie malte sich aus, wie schön es wäre, sich in einen Mann zu verlieben und wieder in die romantische Liebe einzutauchen. Aber sie merkte auch, dass dies eine Flucht wäre aus den realen Problemen in ihrer Beziehung.

Wenn Sie mit Ihrem Partner über Ihren Frust und Ihre Sehnsüchte sprechen, wird einiges zutage treten, was Sie beide nicht gerne sehen. Aber Sie werden beginnen, nach Lösungen zu suchen. Vielleicht schaffen Sie es, einmal in der Woche zu zweit auszugehen. Und es gibt die kleinen Augenblicke, die die Lebenssehnsucht im Alltag erhält: die kleine Hand des Kindes in der eigenen zu spüren, ein Sternenhimmel, eine zufällige Berührung mit dem Partner ...