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Skin Picking DisorderWenn das „Kletzeln“ zwanghaft wird

Mehr als 100.000 Österreicher leiden unter dem Zwang, sich zu kratzen. Dahinter steckt aber keine schlechte Angewohnheit, sondern eine psychische Störung.

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  1. Was versteht man unter der Haut-Kratz-Störung?
    Die Haut-Kratz-Störung – im Englischen auch „Skin Picking Disorder“ genannt – ist eine seit 2013 offiziell anerkannte psychische Störung. „Sie äußert sich in immer wiederkehrendem Zupfen und Quetschen der Haut“, erklärt die Psychologin Anne Schienle von der Universität Graz. Egal ob an den Fingerkuppen, dem Schulterbereich oder an den Beinen –gekratzt wird an allen erdenklichen Körperstellen. In einigen Fällen wird auch mit „Werkzeugen“ wie Pinzette und Schere nachgeholfen. Einfach damit aufhören können die Betroffenen aber nicht – das Kratzen wird zum Zwang. Schätzungen zufolge sind in Österreich rund 100.000 Menschen von der Haut-Kratz-Störung betroffen.

  2. Kratzen sich Betroffene bewusst?
    Das ist unterschiedlich, es gibt zwei verschiedene Erscheinungsbilder. Beim fokussierten Kratzen suchen Patienten im Spiegel gezielt nach Unregelmäßigkeiten oder streichen sich über die Haut, um einen kleinen Hubbel zu finden. Das Ziel: Diese Unebenheiten zu glätten, was während des Kratzens durchaus als befriedigend, aber keinesfalls als negativ empfunden wird. Das automatische Kratzen kommt von alleine. Und zwar oft während anderer Tätigkeiten wie Fernsehen oder Autofahren. Dass gekratzt wurde, bemerken sie zumeist erst dann, wenn die Haut zu bluten beginnt oder es wehtut. Patienten können auch von beiden Arten des Kratzens betroffen sein.

    Zu den Experten

    Anne Schienle ist Universitätsprofessorin an der Uni Graz (Klinische Psychologie). Mit ihrer Kollegin Sonja Übel beforscht sie die Haut-Kratz-Störung. Info:
    Tel. 0660 100 70 72
    Isabella Pittner-Meitz betreibt eine Praxis für Psychotherapie und Paartherapie in Graz.
    www.psychotherapeutin-graz.at

  3. Mit welchen Folgen kämpfen Betroffene?
    Das Knibbeln und „Kletzeln“ endet nicht selten erst dann, wenn die Haut Verletzungen aufweist: „Das permanente Zupfen verursacht Leid. Viele Betroffene schämen sich, weil sie sich selbst Wunden und Narben zufügen“, so die Expertin. Im Alltag kann das wiederum zu Einschränkungen führen. Die hinterlassenen Spuren auf der Haut werden etwa im Hochsommer durch lange Ärmel oder viel Schminke verdeckt. In einigen Fällen wird sogar der Gang in die Öffentlichkeit ganz vermieden.

  4. Wieso wird überhaupt gekratzt?
    „Menschen, die sich mit diesem Problem an mich wenden, berichten von psychischer Überlastung“, erzählt die Psychotherapeutin Isabella Pittner-Meitz aus der Praxis. Dazu zählen laut ihr Faktoren wie: Partnerschafts- oder Familienkonflikte, körperliche Überlastung sowie Probleme am Arbeitsplatz. Über die genaue Ursache ist sich die Wissenschaft aber noch nicht einig. Neurobiologische Ekelforscher glauben, dass es sich dabei um ein übertriebenes Hygieneverhalten handeln könnte, „welches auch Tiere an den Tag legen, wenn sie ihr Fell lecken und putzen“, so Anne Schienle. Die Expertin schließt aber auch eine Dysfunktion in der sensorischen Verarbeitung nicht aus. In einer eigens von ihr und ihrer Kollegin Sonja Übel durchgeführten Studie der Uni Graz wurden Teilnehmer gebeten, sich entweder leicht am Arm zu kratzen oder zu streicheln. Das Ergebnis: Die Patienten reagierten zwar auf das Kratzen, aber nicht auf das Streicheln. Demnach könnte das Kratzen auch ein falsch verstandenes Streicheln sein.

  5. Können sich Betroffene behandeln lassen?
    „Ja“, sagt Psychotherapeutin Pittner-Meitz: Das Verknüpfen mehrerer therapeutischer Methoden habe ihr in den letzten Jahren gezeigt, dass es eine ganzheitliche Sicht auf das Problem braucht. „Die Menschen sollen lernen, der Herausforderung, den Zwängen und dem Kontrollverlust die Stirn zu bieten.“ Deshalb ziele die Behandlung von Pittner-Meitz darauf ab, den Betroffenen zu zeigen, wie man mit unangenehmen Emotionen umgeht. Gefühle wirken sich auf den Körper aus und sollen deshalb ernst genommen werden. Es gehe auch darum, wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen und „der Intuition, die uns allen innewohnt, wieder mehr Platz einzuräumen“. Denn: „Ihr Körper ist immer Ihr Freund. Er weiß immer, was er braucht“, so die Expertin.

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