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InterviewAus dem Leben eines Wikipedia-Autors: Wie Wissen entsteht

Wikipedia ist durch den Einsatz ehrenamtlicher Wissensarbeiter zur größten Enzyklopädie des Internets herangewachsen. Ein Gespräch mit Kurt Kulac, einem der fleißigsten Wikipedia-Editoren Österreichs.

Kurt Kulac © Jürgen Fuchs
 

Sein Spezialgebiet sind Insekten, genauer gesagt Käfer. Studiert hat er Jus und eigentlich ist er Rechtsanwalt. Dennoch arbeitet Kurt Kulac in seiner freien Zeit ehrenamtlich als Wikipedia-Editor – er gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten in ganz Österreich. Wie wird man zum Wikipedia-Editor, wie schreibt man einen Beitrag und kann man Wikipedia als Quelle überhaupt vertrauen?

Zu Ihrem Spezialgebiet gehören Insekten. Warum genau dieses Thema?
Kurt Kulac: Es gibt Editoren, die schreiben über das, was sie auch beruflich machen, und es gibt solche, die schreiben konträr dazu über etwas, was abseits davon zu ihren Leidenschaften zählt. Ich bin über die Fotografie zu den Insekten gekommen, weil ich mehr über das wissen wollte, was ich fotografiere.

Wie ensteht ein Wikipedia Eintrag?
Kurt Kulac: Man kann sich einfach hinsetzen und losschreiben. Einen guten Artikel muss man aber zumindest soweit vorbereiten, dass man sich in das Themengebiet einliest und weiß, woher man die notwendigen Informationen bekommt, damit man das Thema möglichst vollständig beschreiben kann. Man hat in der Regel zwei oder drei Bücher, aus denen man zusammen einen Artikel verfasst, das ist aber themenabhängig sicher sehr unterschiedlich.

Wie wählen Sie Ihre Quellen aus und was ist für Sie dabei wahr und was falsch?
Kurt Kulac: Wenn man sich mit einem Thema länger befasst, bekommt man einen Überblick darüber, was der wissenschaftliche Stand dazu ist. Man erhält durch die Verwendung mehrerer Quellen einerseits eine bessere Vollständigkeit, andererseits auch eine Absicherung der einzelnen Informationen. Wahr ist das, was nach wissenschaftlichen Standards zitierbar ist, auch wenn man selbst bei reputablen Quellen ab und zu Fehler findet, die man aber eben durch den Abgleich mehrerer Quellen nicht übernimmt.

Wie aufwendig ist es, einen Beitrag zu schreiben?
Kurt Kulac: Das Schreiben selbst ist wenig aufwendig, wenn man den Rhythmus für ein Thema – etwa eine Käferfamilie und die zugehörigen Arten – gefunden hat. Die Aktualisierung ist langfristig das größte Problem, denn mit dem Umfang der Wikipedia steigt auch der Aufwand dafür. Mit entsprechend großen Ansprüchen an Vollständigkeit und Aktualität nähert man sich der Unmöglichkeit immer weiter an. Letztendlich sollte man aber am Boden der Realität bleiben und erkennen, dass auch all die gedruckten Bücher alt werden und nur sehr träge durch neue Auflagen aktualisiert werden. Selbst mit wenig Aufwand schafft die Wikipedia es, da immer besser zu sein.

Manchmal passiert es, dass man falsche oder veraltete Informationen von Wikipedia erhält – haben Sie schon mal etwas „Falsches“ geschrieben?
Kurt Kulac: Jeder macht Fehler, aber der Vorteil von Wikipedia liegt darin, dass jeder, der einen Fehler findet, ihn sofort ausbessern kann. Darum ist die Fehleranzahl in der Wikipedia nachweislich niedriger als etwa in allen bisher gedruckten Enzyklopädien. Und das obwohl man letzteren oft viel mehr Vertrauen gegenüber hat. Natürlich habe auch ich schon Falsches geschrieben. Man findet es mit der Zeit entweder selber oder wird darauf aufmerksam gemacht und es wird korrigiert.

Wikipedia ist für eine viele Menschen die erste Quelle für Recherche oder Information, man vertraut leichtgläubig. Werden Falschinformationen auch bewusst gestreut?
Kurt Kulac:  Wikipedia ist eine Plattform, bei der sich die Community aus ausschließlich Ehrenamtlichen selbst verwaltet. Wikimedia – die Stiftung dahinter – stellt nur die Plattform zur Verfügung. Menschen vertrauen generell viel zu leichtgläubig allem, was sie lesen. Dabei ist es mit Sicherheit das geringste Problem, dass sie es auch bei der Wikipedia tun. Es gibt sicher Leute, die bewusst in der Wikipedia Falsches eintragen. Die Community ist dagegen zwar nicht immun, aber sie ist als Ganzes sehr wachsam und langfristig gut dagegen gewappnet. Auffälliges wird rasch korrigiert, Kleinigkeiten findet man über die Zeit. Es gibt immer wieder etwa Politiker, die versuchen ihre Einträge zu schönen. Das geht oft nach hinten los.

Das Vertrauen in Medien scheint immer geringer zu werden. Wie entscheiden Sie, welchen Medien und Informationen Sie trauen können?
Kurt Kulac: Vertrauensverlust wird zwar oft behauptet, ich sehe das im großen Ganzen aber nicht so. Leute sind extrem leichtgläubig und glauben Zweizeilern auf Facebook oder in irgendwelchen Tweets unhinterfragt. Man muss alles hinterfragen, wenn man länger als einen Moment darüber nachdenken will. Ich bin überzeugt davon, dass man zu jedem Thema mit weniger als einer Minute Suche im Internet eine zweite Meinung finden kann, mit der man vergleichen kann, was plausibler ist. Etwa ob ein Politiker die Wahrheit sagt oder lügt.

Kommentare (1)

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paulrandig
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1
Lesenswert?

Sehr schöne Themenwahl!

Vielen ist nicht bewusst, dass das Wissen auf Websites nicht einfach aus dem Äther ins Internet kondensiert, sondern dass es Menschen braucht, die engagiert sind, sind irren können, aber immer versuchen Wissen zu vermitteln, das möglichst nahe an "Wahrheit" heranreicht.
Jeder, der es selbst schon versucht hat, weiß, dass es deutlich komplexer ist als man es sich am Anfang vorstellt.

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