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Interview mit Georg Schildhammer"Lügen gibt es seit Anbeginn der Kommunikation"

Georg Schildhammer arbeitet als freier Journalist, Autor und Philosoph. Kommunikation ist sein täglich Brot. Im Interview verrät er, warum es für alle besser ist, wahrheitsgetreu zu kommunizieren, und warum man trotzdem kritisch hinterfragen soll, was man im Netz liest.

© APA/HELMUT FOHRINGER
 

Was sollte man beim Sprechen, Schreiben und Posten beachten?
Georg Schildhammer: Ich bin der Meinung, dass man wahrheitsgetreu kommunizieren sollte. Wenn ich den Menschen, mit denen ich zu tun habe, ehrlich sage, was ich denke und was ich möchte, kommen wir viel effizienter und mit viel weniger Reibungsverlusten auf einen gemeinsamen Nenner.

Trotzdem funktioniert das nicht immer.
Schildhammer: Es kann natürlich auch Themen geben, bei denen wir uns nicht einigen. Aber auch dort weiß ich mit der Wahrheit einfach viel schneller, was Sache ist und wo wir uns etwas Anderes überlegen müssen. Und wenn wir lügen – weil ich glaube, der andere kann oder darf das nicht hören oder ich könnte damit irgendeinen Schaden verursachen –, dann verkompliziert das die Interaktionen. Deswegen ist es aus pragmatischer Sicht einfach sinnvoll, wahrheitsgetreu zu kommunizieren.

Gibt es noch andere Perspektiven?
Schildhammer: Wenn man die Frage aus diskursethischer Sicht betrachtet, gibt es verschiedene Werte oder Kriterien, die eine sogenannte ideale Sprechsituation ermöglichen. Dazu gehört zum Beispiel Wahrheit, aber auch Wahrhaftigkeit, was besagt, ich sage nicht nur das, was wahr ist, sondern ich sage auch, was ich mir wirklich denke, und täusche den anderen nicht über meine wahren Motive hinweg. Eine ehrliche Kommunikation gibt dem anderen die Chance, mich wirklich zu verstehen und auf mich einzugehen. Es gibt auch noch andere Ethikansätze, auf die man sich berufen könnte. So besagt etwa die pflichtethische Perspektive, dass wir uns Wahrheit und Ehrlichkeit schulden und uns nicht als bloßes Mittel zum Zweck gebrauchen dürfen.

Georg Schildhammer: " In dem Maße, wie die negativen Möglichkeiten durch solche Technologien wachsen, wachsen aber auch die positiven Möglichkeiten." Foto © KK

Dennoch hat etwa US-Präsident Donald Trump nicht unerfolgreich gelogen. Hat das Internet das erleichtert?
Schildhammer: Trump prägte den Begriff Fake News wie kein Anderer und hatte damit Erfolg. Seine Antwort: Die Möglichkeit, Fake News zu verbreiten, gab es immer schon und das wurde auch gemacht. Stalin etwa hat in seiner Propaganda Leute aus Fotos rausretouchieren lassen. Das ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Lügen gibt es seit Anbeginn der Kommunikation, die Technologien sind aber anders geworden. In dem Maße, wie die negativen Möglichkeiten durch solche Technologien wachsen, wachsen aber auch die positiven Möglichkeiten. Alle Fake News, die im Internet gepostet werden, kann man mittlerweile mit Hilfe anderer Websites überprüfen. Es ist wie mit den Virenprogrammschreibern und den Antivirenprogrammschreiber – das ist ein ewiger Wettkampf, der nie enden wird.

Was tun?
Schildhammer: Selbst wenn es gelegentlich einen Überhang an Lügen gibt, sehe ich aus pragmatischer Sicht nicht, was wir daraus machen sollten. Sollen wir etwa verbieten, dass es Social Media gibt? Das wird es nicht spielen. Wir müssen die Jungen, aber auch die Erwachsenen so erziehen, sich kritisch mit diesen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Die positiven müssen wir dabei nutzen und stärken und die negativen so gut wie möglich zurückdrängen.

Wie schätzen Sie die künftige Entwicklung bezüglich digitaler Medien ein?
Schildhammer: Ich bin kein Alarmist und relativ optimistisch und positiv eingestellt. Ich glaube, dass wir mehr Vorteile daraus beziehen, dass es diese Erweiterung der Medien gibt. Es wird immer individueller und sorgt für eine zunehmende Demokratisierung. Und weil ich immer ein bisschen skeptisch bin, wenn ein paar Wenige die sogenannte Gatekeeper-Funktion erfüllen. Ich will, dass es solche Medien gibt, die aufgrund nachvollziehbarer Kriterien sagen, wer ein seriöser Journalist ist. Aber ich will auch, dass es die Möglichkeit gibt, dass Menschen vor Ort etwas mit ihren Handys filmen und es ungefiltert ins Netz stellen. Am Ende muss ich es wiederum kritisch hinterfragen, weil es immer wieder die Versuchung geben kann, nicht authentisch zu berichten.

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