„Kultur salzt los“, so verkündet es das knallorange gedruckte Auftaktprogramm der Kulturhauptstadt. Und zwar sofort: Heute beginnen die zwei Tage dauernden Eröffnungsfeierlichkeiten. Schon kilometerweit vor Bad Ischl stechen die leuchtfarbenen Plakatwände ins Auge. Nur, was steht da wirklich? „Erotikmesse im Messezentrum Salzburg 26.–28. Jänner“.

Es ist nämlich nicht die Kulturhauptstadt, die da flächendeckend auf klassischen Plakatflächen wirbt. Im Gegenteil, zwischen Werbung für die AK-Wahlen in Oberösterreich, dem Tag der offenen Tür in der Tourismusschule und der Fachmesse „Moto Austria“ machen sich Bad Ischl und das Salzkammergut an den Straßen kaum sichtbar. Bis auf eine sehenswerte erste Großtat, die es zu vermelden gilt: An der Fassade des Postgebäudes prangt seit Freitagmittag in mächtigen pinken Stickbuchstaben ein „Solange“-Spruch der österreichischen Künstlerin Katharina Cibulka: „Solong ois bleibt, weils oiwei scho so woa, bin i Feministin.“ Nur blöd, dass das Transparent an der Rückseite des Gebäudes hängt, findet eine Passantin. Andererseits: Wer per Bahn nach Ischl reist, wird jetzt mit diesem Satz begrüßt.

Kreuzstich: Fassadenkunst von Katharina Cibulka in Ischl
Kreuzstich: Fassadenkunst von Katharina Cibulka in Ischl © Ute Baumhackl

10.000 bis 15.000 Gäste werden heute erwartet, wenn in Ischl – eine bzw. zwei Wochen vor den Partnerstädten Tartu in Estland und Bodø in Norwegen – die erste der drei europäischen Kulturhauptstädte 2024 eröffnet. Mit Hubert von Goisern und tausendstimmigem Jodelchor, Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Konzertreigen und Operettenpremiere, Ausstellungen und Installationen im öffentlichen Raum.

Lokalpolitischer Kleinkrieg

Und doch schien bis Mitte der Woche auch Ischl selbst mit seinem Großprojekt erstaunlich diskret umzugehen, man sah kaum Außenwerbung, Fahnen, Folder. In der zentralen Buchhandlung, ärgert sich ein Wiener Kurgast, sei nicht einmal das Programmbuch zu haben. Die Stimmung in der Stadt ist verhalten – Nachwirkung eines lokalpolitischen Kleinkriegs zwischen SPÖ und ÖVP, der auch die Reputation der Kulturhauptstadt lädierte. Aber wohl auch Folge des einzigen echten taktischen Fehlers, den man der 2021 geholten künstlerischen Leiterin Elisabeth Schweeger (73) anlasten kann: Per „Open Call“ lud die Wienerin die lokalen Kulturtreibenden ein, Projekte für das Programm einzureichen. Mehr als 1000 meldeten sich, Platz gab es nur für einen Bruchteil. Die Enttäuschung setzte sich fest. Daneben gibt es natürlich auch Leute, die Programmschwerpunkten wie kritischer Erinnerungskultur oder Ökologie sowieso reserviert gegenüberstehen. Schweeger, als Kulturmanagerin von Frankfurt bis Venedig Gegenwind gewohnt, saß es aus. Und verweist unermüdlich auf die lokalen Bezüge in „mehr als acht von zehn der kommenden Veranstaltungen“.

Elisabeth Schweeger preist die „Widerständigkeit der Region“ und ihren „anarchistischen Unterzug“ 
Elisabeth Schweeger preist die „Widerständigkeit der Region“ und ihren „anarchistischen Unterzug“  © APA / Barbara Gindl

Die Zurückhaltung und der grundsätzliche „Eigen-Sinn“ in der Region, konzediert sie nun kurz vor dem Auftakt, „hat es mir und meinem Team und allen an der Programmarbeit Beteiligten nicht immer leicht gemacht. Aber heute darf ich sagen: Die vielen Stunden des gemeinsamen Ringens haben sich gelohnt.“ Bei einer Pressekonferenz am Donnerstagabend in der zum Info- und Pressezentrum umfunktionierten Trinkhalle von Bad Ischl pries sie die „Widerständigkeit der Region“ und ihren „anarchistischen Unterzug“ und verwies noch einmal auf die Quintessenz ihres Programms: die Kunst als gesellschaftsbildendes Projekt. Und das am Beispiel „einer Region, die es nicht immer leicht hat“ – etwa im Hinblick auf Landflucht, Fachkräftemangel, Leerstände, Übertourismus, Verkehr. Und noch einmal warb sie darum, sich mit den Ressourcen dieses ländlich geprägten Raums auseinanderzusetzen: „Er ist die Lunge, die wir zum Atmen brauchen, und der Boden, der uns ernährt“. Natürlich müsse man da auch Probleme wie ausufernde Bodenversiegelung oder „schlechte Baukultur“ zum Thema machen.

Bannerstadt Bad Ischl: Kultur und prachtvolle Natur
Bannerstadt Bad Ischl: Kultur und prachtvolle Natur © Daniel Leitner

Gesalzene Pracht: In einer Region, die sich wirtschaftlich lange auf ihre spektakulären Naturschönheiten, auf Seenlandschaft, Kaiserkitsch, Kurseligkeit und das jahrtausendealte Kulturerbe des Salzabbaus verlassen hat, macht das manche misstrauisch. Das Salzkammergut als prachtvoller Zufluchtsort erschöpfter Sommerfrischler, als traditionsreicher Künstler- und Dichtermagnet: Ein solches Selbstbild mag sich nicht jeder übermalen lassen. Aber dem Lokalen „fremde Sicht- und Denkweisen“ gegenüberzustellen, entspräche nicht nur der Tradition dieser Kulturlandschaft, sondern auch „dem zentralen Anliegen der Kunst“, beharrt Schweeger. Dabei ist der Kulturbegriff großzügig gedacht: Nebst Musik, bildender und darstellender Kunst, Literatur und Baukultur haben in den vier Programmschienen auch Wissenschaft, Handwerk und Umweltfragen prominent Platz.

Gebändigte Vielfalt

Aber die programmatische Vielfalt, die in rund 300 Projekten abgehandelt wird, war wohl leichter zu bändigen als die Meinungs- und Bedürfnisfülle, die sich ergibt, wenn man 23 Gemeinden aus zwei Bundesländern zur Kulturhauptstadt koordiniert. Dass Schweeger und ihr Team das zusammengebracht haben, ist keine kleine Leistung, zumal sich auch alle finanziell fair bedacht sehen wollen – bei einem vergleichsweise knappen Gesamtbudget von 30 Millionen Euro.

Zur Erinnerung: Österreichs allererste Kulturhauptstadt, Graz, hatte anno 2003 60 Millionen zur Verfügung, die zweite, Linz 2009, noch neun Millionen mehr. Traditionell gehen große Anteile solcher Summen in die Infrastruktur, soll heißen: Kulturneubauten. Hier nicht. „Diese Kulturhauptstadt wird keine monumentalen Bauwerke hinterlassen, aber sie wird Brücken in eine Zukunft bauen“, verspricht Schweeger. Eine Zukunft, in der die Vergangenheit nicht Last, sondern Auftrag sei, die Tradition Inspirationsquelle für Neues und der Tourismus „keine Einbahnstraße“. Ganz im Sinne ihres Mantras: das Salzkammergut als „Vorbild und Modellregion für ganz Europa“.

„Art Your Village“ heißt eines der Projekte
„Art Your Village“ heißt eines der Projekte © Kulturhauptstadt 2024

Ob so viel Anspruch eingelöst werden kann, wird sich nicht zuletzt die Europäische Union genau anschauen, die den Titel Kulturhauptstadt seit 1985 jährlich in Rotation vergibt. Schließlich ist „Bad Ischl Salzkammergut 2024“ auch auf europäischer Ebene ein Experiment: Erstmals hat eine Region, nicht eine Stadt, den Zuschlag erhalten. 110.000 Menschen leben im Salzkammergut, das entspricht zumindest dem typischen Bevölkerungsprofil der Mittelstädte, die mittlerweile zu den bevorzugten Schauplätzen des Programms zählen. (Europas Metropolen absolvierten ihr Ehrenjahr ja durchwegs in den ersten Jahren.) Ob und wie sich jenseits von Logo und Markenauftritt Gemeinsamkeit herstellen lässt – zwischen Schauplätzen wie Roitham in Oberösterreich und dem steirischen Bad Mitterndorf etwa liegen immerhin 90 Straßenkilometer – wird sich zeigen. Zuversichtlich sind zumindest die Touristiker. „Das internationale Interesse ist sehr groß“, beobachtet Astrid Steharnig-Staudinger, Geschäftsführerin der Österreich Werbung. Michael Spechtenhauser, Chef von Salzkammergut Tourismus, rechnet mit Rekordnächtigungszahlen für 2024 – zumindest ab dem Frühjahr, mit dem dann die Großveranstaltungen beginnen. Viel Aufmerksamkeit hat das Kulturhauptstadtjahr, nicht zuletzt dank seiner Vorabkonflikte, bereits generiert. Davon wird die Region auch profitieren, falls das Programm allen Erwartungen zum Trotz nicht einschlagen sollte. „Denn auch wenn die Kultur kontrovers ist, die Gegend ist es nicht“, stellte Michael Feiertag, Chef von Steiermark Tourismus, am Donnerstag fest.