Serie "Und was jetzt?"Kirchenmusiker: "Wir müssen das Singen zurück in die Gesellschaft bringen"

Michael Schadler, Referent für Kirchenmusik in der Diözese Graz-Seckau, zeigt auf, welche Schwierigkeiten die Kirchenmusik derzeit zu meistern hat.

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Michael Schadler, seit 2017 Referent für Kirchenmusik der Diözese Graz-Seckau © Gert Neuhold
 

Sie sind als Referent der Diözese Graz-Seckau für die katholische Kirchenmusik in der Steiermark verantwortlich. Welche Herausforderungen zeitigt die derzeitige Situation?
MICHAEL SCHADLER: Normalerweise bin ich in Sachen kirchenmusikalischer Aus- und Weiterbildung sehr viel unterwegs. Immerhin gibt es in der Steiermark an die 400 Pfarren, von denen fast zwei Drittel einen Chor beheimaten. Somit ergibt sich für mich eine beträchtliche Anzahl von direkten Ansprechpartnern, die das kirchenmusikalische Geschehen prägen. Da ist viel Engagement und Idealismus dabei. Momentan ist all dies eingeschränkt; auf virtueller Basis ist da nämlich nicht viel zu erreichen.

Angesichts all der verordneten Einschränkungen: Wie erfüllen die vielen haupt- und nebenberuflichen Kirchenmusiker ihre Aufgaben?
Recht unterschiedlich, da situationsbedingt ein hohes Maß an Kreativität und auch Flexibilität erforderlich ist, wobei dank ihrer profunden Ausbildung die hauptamtlichen Kirchenmusiker allein in den Repertoirefragen besser und schneller reagieren können. Ich führe ein Beispiel an: Beim von mir kirchenmusikalisch verantworteten Weihnachtsgottesdienst im Stift Rein musste ich wegen der coronabedingten Einschränkungen das Programm dreimal ändern. Übrig blieben am Ende vier Sänger und vier Instrumentalisten.

Wenn Sie rückblickend eine Bilanz über das vergangene Jahr ziehen: Worin lagen da die größten Schwierigkeiten, und worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?
Die größten Hürden lagen und liegen noch immer in der absoluten Unplanbarkeit. Ganz besonders für die Chorarbeit bildet das ein spezielles Problem, da im Hinblick auf größere Vorhaben mitunter auch längere Vorlaufzeiten erforderlich sind. Für die Zukunft besteht meines Erachtens die Herausforderung darin, das gemeinschaftliche Singen wieder zurück ins Herz der Gesellschaft zu führen. Denn so wird die tiefere Verbundenheit zwischen Menschen, zwischen Ausführenden wie auch Zuhörern gefördert. Genau aus diesem Grund ist auch das derzeitige Aussetzen des Gemeindegesangs in den Gottesdiensten so problematisch. Der Restitution all dessen gilt unser vordringliches Anliegen.

Wie gehen die Chöre mit den geänderten Umständen um?
Grundsätzlich verhalten sich die Chöre diszipliniert. Gemeinsame Proben sind ausgesetzt. Das Singen im Familienverband bildet das Rückgrat eines jeden Chorgesangs. Das war ja nie anders. Nicht zu vergessen ist dabei, dass im ländlichen Bereich gerade der Chor jene Gruppe der Gemeinde darstellt, die sich gemeinschaftlich am häufigsten trifft. Somit trägt die momentane Situation gerade auch bei Chorsängern zu einer massiven Vereinsamung bei.

Ist all dem Gesagten allenfalls auch ein positiver Aspekt abzugewinnen?
Ja, wenn man will, lässt all dies auch manch kreatives Potenzial zutage treten, das unter normalen Umständen gar nicht zum Tragen käme. Dadurch, dass das gewohnte Schema verlassen werden muss, entstehen vielerorts musikalische Gottesdienstgestaltungen, für die ansonsten der Mut gefehlt hätte. Als Beispiel erinnere ich mich an eine übertragene Messe aus dem Stephansdom in Wien, in der ein einzelner Marimbaphon-Spieler die Musik in der Liturgie mitgestaltete. Diese musikalische Lösung hat mich voll überzeugt. Positiv zu vermerken ist außerdem die mediale Zunahme von Gottesdienstübertragungen, die der Kirchenmusik ganz allgemein eine höhere Akzeptanz verleiht.

Welche Rolle spielt die Kirchenmusik überhaupt noch in einer großteils säkularen Gesellschaft? Und welche Position nimmt die Musik heutzutage in der Kirche ein?
Sehr interessant scheint mir, dass die Kirchenmusik in unserer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen in die Kirche gehen, doch eine große Rolle spielt, ja sich in gewisser Hinsicht sogar wachsenden Beliebtheit erfreut, was sich in der Resonanz der Besucherfrequenz niederschlägt. Bedeutende geistliche Musik schafft es, weitere Kreise anzusprechen, als es die relevante religiöse Bindung vermuten ließe. Die verbalisierte, nicht immer nur auf Zustimmung stoßende Glaubensvermittlung ist weit enger gefasst als jene, die durch Musik kommuniziert wird. Kirchenmusik gleichsam als die universellere Sprache!

Zur Person

Michael Schadler geboren 1989 in Graz, aufgewachsen in St. Marein bei Graz.
Studium Kirchenmusik, Orgel und Chordirigieren in Graz. 2013–2016 Stiftskapellmeister der Benediktinerabtei St. Paul/Kärnten. Seit 2017 Referent für Kirchenmusik in der Diözese Graz-Seckau. Regelmäßige Auftritte als Organist und Dirigent. Leiter verschiedener Chöre („PrimaTona“, „c’Orfeo“).
augustinum.at

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