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Helmut Strobl (1943-2019)Ein Widerständiger mit Rückgrat

Helmut Strobl, Kulturpolitiker, Menschenrechtsaktivist und tätiger Humanist ist gestern 75-jährig verstorben. Mit ihm ist ein ganz großer Grazer gegangen. Auch erste Reaktionen aus der heimischen Politik sind von tiefer Betroffenheit geprägt.

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Helmut Strobl (1943-2019) © Kanizaj/KLZ
 

Die vielleicht wichtigste Nachricht seines politischen Lebens erreichte ihn auf einer Reise durch Kanada vor 20 Jahren. Die Europäische Union hatte Graz für das Jahr 2003 als Kulturhauptstadt Europas auserkoren. Mit Bürgermeister Alfred Stingl (SP) hatte der VP-Politiker Helmut Strobl jahrelang um diesen Titel gekämpft. Der Rest ist Geschichte.

Aufgeben war für den studierten Architekten zeitlebens keine Option. Von Grund auf Humanist, scheute er vor sogenannter Basisarbeit nicht zurück und setzte sein politisches Gewicht in diesem Sinne ein. Er stand aufrecht, wenn sich die Fettlawine der sogenannten öffentlichen Meinung und der politischen Opportunität über Vernunft und Menschenwürde zu wälzen drohte. Vielleicht war das mit ein Grund, warum der hoch kompetente Strobl nie in der Bundespolitik anlangte. Oder anlangen wollte.

Die steirische ÖVP der 70er war eine Ansammlung kluger, widerständiger Köpfe, die von den Landespatriarchen Krainer Vater und Sohn nicht nur geduldet, sondern gefördert wurden. Namen wie Bernd Schilcher, Gerfried Sperl (später Gründungs-Chefredakteur des „Standard“) tauchen da auf. Und noch später Gerhard Hirschmann und Herbert Paierl. Ihnen allen zu eigen war eine markant antifaschistische Haltung, die heute einigen VP-Granden Vorbild sein sollte.

Dabei hatte Helmut Strobl einige Voraussetzungen, ein eleganter Taugenichts zu werden: Er war klug, fesch und kühn. Diese geschenkten Benefizien setzte er schon früh zugunsten anderer ein. Gemeinsam mit Sperl gründete er 1965 die „Aktion“, eine Gruppe, die für mehr Studentenrechte focht. Zum Beispiel für Gratistickets für die Grazer Öffis. Im Zuge von Demonstrationen wurde Strobl mehrfach verhaftet. Frühen Zivildienern war er eine wichtige Stütze.

Er bewies auch, dass es ihm nicht um politische Theorie allein ging: Im alternativen Kindergarten nach dem Summerhill-System machten er und andere Jung-Papas selbst Dienst. Und über Jahrzehnte fuhr er als freiwilliger Rotkreuz-Mann durch die Grazer Nächte.

Bürgermeister Franz Hasiba holte Strobl ins Rathaus. Ab 1985 saß er im Stadtsenat. Das kurze Intermezzo als Stadtparteichef zeigte, dass zu viel Rückgrat und Sachbezogenheit für den Job hinderlich sein können. Strobls Heimat war weniger eine Partei, sondern eine Gesinnung, in der Humanität und ein freier Blick die Hauptrollen spielen. Zudem war er einer der raren Politiker, mit denen man auch als Journalist befreundet sein konnte, ohne den Verlust der eigenen Meinung fürchten zu müssen.

Kulturelle Wegmarken fallen in seine Ära: An Kunsthaus, Stadthalle, Literaturhaus war er maßgeblich beteiligt, ebenso trieb er den Wiederaufbau der Synagoge und den Menschenrechtsbeirat voran.
2011 legte Helmut Strobl alle Politfunktionen zurück, blieb aber bis zuletzt aktiv, obgleich ihn eine unheilvolle Reihe von Aneurysmen schwächte, an der er gestern verstarb.

Seine immerwährende Widerständigkeit bewies er vor drei Jahren, als er der Republik auf seinem südsteirischen Grundstück den abstrusen Zaunbau verbot. Das ist wohl ein besonderer Mut zur Lücke.

Kommentare (10)

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wwhoelbling
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Ein schwerer Verlust.

Dank an Herrn Hütter für seinen respektvollen Nachruf. Helmut Strobl war ein (Kultur)Politiker mit der leider seltenen Mischung von Durchsetzungskraft, kreativer Eigenart und ehrlicher Mitmenschlichkeit, der auch das trinkt was er predigt! Möge sein Geist die Grazer Politik beflügeln ....

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kritiker47
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Guten Morgen, Herr Hütter

Wenn auch mein Posting von gestern abend im Forum "geheimgehalten" wurde, danke ich trotzdem für die Herausnahme des von mir kritisierten Textteiles bezgl. faschistischer Schlagseite des Parteivorsitzenden sowohl hier im Nachruf als auch in der Printausgabe. In bin nicht so eitel, mich bestätigt zu fühlen, bin aber froh, dass dies nun geschehen ist. Nun lasst uns gemeinsam trauern um einen guten Menschen und Freund.

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IlMaestroEder
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Frido Hütter

dankeschön für diesen würdevollen Nachruf.

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kritiker47
7
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Was soll

bei einem Nachruf eines verdienten ÖVP Politikers, mit dem so viel Positives zu erleben war, der komische Hinweis, dass der jetzige Parteichef sich eine antifaschistische Haltung a la Strobl und Freunde zulegen sollte. Was ist da in den Herrn Hütter gefahren ? Will er da dem Kurz vielleicht einen Hang zum Faschismus unterstellen. Was soll man denn in Zukunft von seinen Kulturkritiken und -Berichten halten, wenn sein Betrachtungsfeld so eingeengt scheint. Diese anscheinend beabsichtige Tirade ist ungeheuerlich und ungerecht im höchsten Maße, lieber Herr Kulturredakteur. Und nun lasst uns trauern um einen gemeinsamen Freund.

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3770000
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Eine große Persönlichkeit

Damals gab es in der ÖVP noch Menschen mit Charakter und Handschlagqualität, die in erster Linie den Menschenrechten verpflichtet waren.

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AIRAM123
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Das war noch eine andere ÖVP

... mein Beileid der Familie

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scionescio
13
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Wenn der Schützi nur 1% von Helmuts Charakter und Anständigkeit hätte, wäre er ein respektabler Politiker!

Vielen Dank für Alles, Helmut - gerade jetzt würden wir Menschen wie dich dringend brauchen!

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zyni
20
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Diese Situation

ist nicht geeignet für beleidigende Kommentare. Wie verhasst müssen Sie sein?

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scionescio
11
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@Wo habe ich Helmut beleidigt- träumst du?

Ich hasse aus Prinzip niemanden, aber ich sehe es als Verpflichtung, jede Gelegenheit zu nutzen, dem einen oder anderen einen Denkanstoß zu geben und es so unanständigen Populisten nicht zu einfach zu machen, viele Wählerstimmen für sich zu mobilisieren.

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Hausschuh
12
6
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Peinlich

Dieser Kommentar ist nur peinlich !

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