Man entkommt ihr nicht: in sozialen Medien, in Buchhandlungen, im Job und sogar als gesellschaftspolitisches Konzept ist die Suche nach dem persönlichen Glück allgegenwärtig. Das Vehikel zur ganz persönlichen Happyness: die Selbstoptimierung. Die Doku „Glücklichsein um jeden Preis“, die in der Arte-Mediathek und auf YouTube zu sehen ist, fühlt diesem schönen, glücklichen Lächeln ordentlich auf den Zahn und lässt zahlreiche Expertinnen und Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen zu Wort kommen.
Über 70.000 Menschen weltweit – vom professionellen Management-Coach bis zum YouTuber – verdienen ihr Geld mit der Anleitung zur Selbstoptimierung. Darunter so Kapazunder wie etwa Anthony „Tony“ Robbins, der seit Jahrzehnten in ausverkauften Hallen und bei sündteuren Seminaren die Selbstoptimierung zum Prinzip erhoben hat.

Aber längst ist unsere Welt von diesem Prinzip durchdrungen – ob schnell im Netz geteilte Kalendersprüche („Glück kommt nicht zu denen, die sitzend darauf warten“) oder die Anleitung zum aufgeräumten Leben von Marie Kondo, die Welt giert nach Optimierung und dem dazugehörigen Glücksversprechen. „Wir sind sicher die erste Gesellschaft, die einen so starken Fokus auf das Individuum als Träger innerer Ressourcen legt“, erklärt der Soziologe Nicolas Marquis in der Dokumentation. Doch die Folgen sind alles andere als eine durchgehend glückliche Gesellschaft, im Gegenteil.

Die Doku sucht nach Wurzeln dieses Glücksrittertums, das im amerikanischen Konzept des Selfmademan seinen Ursprung hat. Nicht umsonst ist in den USA das Recht auf das Streben nach Glück in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung eingeflossen. Man hat es also selbst in der Hand, glücklich zu werden.
Was auf den ersten Blick viele bejahen würden, ist ein Feigenblatt der Extraklasse, wie der Soziologe Carl Cederström erklärt: „Glück gilt heute als Entscheidung und diese Entscheidung trifft das Individuum. Die positive Psychologie passt in diesem Sinn sehr gut zu einer konservativen Ideologie, die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit zur Normalität erklären will. Sie behauptet, dass du arm bist, das hast du selbst so entschieden.“

Dass das Glück seinen Weg in die weltweiten Managementetagen gefunden hat, hat maßgeblich mit der Etablierung der sogenannten „positiven Psychologie“ des US-Psychologen Martin Seligman zu tun. Seine jahrelangen Forschungen zum Optimismus, den man lernen könne, mündeten unter anderem im Clifton-Strengths-Finder, eine Art Persönlichkeitstest, der gerne im Managementbereich zum Einsatz kommt. Hier ist die Verflechtung von persönlichem Glück, Selbstoptimierung und Arbeit noch komplexer, wie die Doku zeigt. Das Individuum fühlt sich für Problemfelder verantwortlich, deren Lösung eine gesellschaftspolitische Aufgabe wäre. Alles unter der Prämisse, dass das Lebensglück ganz allein von der individuellen Performance abhängig ist. Dass wir überhaupt in diesem Ausmaß am persönlichen Glück arbeiten können, ist per se schon ein Glücksfall, wie der Psychologe Christophe André skizziert: „Wir sind eigentlich schon Glückspilze. In dem Moment, wo das physische, das materielle Leben nicht mehr bedroht ist, kann man sich mit Fragen der Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen.“

Die zweite Dokumentation reiht sich ebenso perfekt in den Optimierungswahn unserer Zeit ein: „Instagram – Das toxische Netzwerk“ gibt Einblicke, wie das soziale Netzwerk unser Leben schleichend prägt und nachhaltig verändert. Darunter die Sehnsucht nach permanenter Aufmerksamkeit, die vielfach wiederum in der Selbstoptimierung für die eigene Inszenierung mündet.