"Häfnpoet“. Dieses Wort hat Jack Unterweger gerne gehört, obwohl er in Wahrheit nie einer war. Häfn, ja; Poet, nein. Im Roman „Fegefeuer“, mit dem er berühmt-berüchtigt wurde, hat er sich sein Leben von der lodernden Seele geschrieben; unterwegs in die Fiktion, also zum Schriftstellertum, ist er halben Weges gescheitert. Das habe er nie verkraftet, sagen professionelle Seelenkenner. Das habe ihn erneut zum Lodern gebracht. Lodern vor Wut, lodern vor Enttäuschung.

Dabei war es die Literatur, die aus dem herkömmlichen Verbrecher einen bekannten Mörder gemacht hat. Geboren 1950 in Judenburg, verlassen von der Mutter, Vater unbekannt, aufgewachsen beim trunken-prügelnden Großvater in Kärnten, verübte Jack Unterweger 1973 in Deutschland jenen grausamen Mord, für den er 1976 in Österreich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dort, in der Justizanstalt Stein, holte Unterweger seinen Schulabschluss nach, begann zu schreiben, gab eine Gefängniszeitschrift heraus, veröffentlichte seinen ersten Roman – und erregte solcherart die Aufmerksamkeit eines Justizsystems (Ära Broda), das nach dem Paradebeispiel einer gelungenen Resozialisierung suchte.

In Unterweger wurde man vermeintlich fündig. Die feine Gesellschaft war von der unfeinen Vergangenheit des grenzwertigen Charismatikers fasziniert, die junge Häfnpsychologin erstellte ein überschwänglich positives Gutachten, nach 15 Jahren öffneten sich die Gefängnistore. Das „tobende Ich“, so Unterwegers erste Veröffentlichung, wurde in die Freiheit entlassen.

Jack
Johannes Krisch (Jack Unterweger), Birgit Minichmayr
© ORF

Mutmaßlich tobte es dort weiter, das Ich. Wenige Monate nach Unterwegers Entlassung begann eine Serie von Frauenmorden: in Österreich, in Tschechien, in den USA. Elf Prostituierte wurden ermordet, stranguliert, Unterweger – so stellte sich später heraus – war in allen Fällen in Tatortnähe. Kurz vor Erlassung eines Haftbefehls flüchtete Unterweger nach Florida, wurde dort gefasst, in Graz vor Gericht gestellt und am 29. Juni 1994 wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Stunden später verübte er in seiner Zelle Selbstmord.

Die persönliche Begegnung, kurz vor der Flucht: Jack Unterweger spricht über neue Bücher, doch seine Lesungen sind spärlich besucht. Ein Film sei in Planung. Davon wusste nur er. „Ihr werdet noch hören von mir“, meinte er beim Abschied. Zumindest das stimmte.