„Das Zeigen solcher Videos kann traumatisierend sein“
Veröffentlichte Videos vom Amoklauf, eine Reportage aus dem Täterumfeld: Eine Gratwanderung zwischen Informationspflicht und einem Zuviel an Information.
Schwer bewaffnete Polizisten, Jugendliche, die um ihr Leben rennen, man hört Schüsse: Bereits kurz nach dem Amoklauf in Graz kursierten die ersten Videos und das nicht nur auf Social Media. Erste Beschwerden sind beim österreichischen Presserat eingegangen, nachdem auch einige Medien die Videos veröffentlicht haben. Von der Wahrung der Persönlichkeitsrechte abgesehen, setzt die Veröffentlichung mit voller Wucht die Wirkmächtigkeit solcher Bilder frei, wie Medienethikerin Claudia Paganini schildert: „Das Zeigen solcher Videos kann traumatisierend für Zuschauer sein – besonders für Betroffene, Angehörige oder Jugendliche. Es fördert außerdem eine Sensationskultur, die dem journalistischen Ethos widerspricht.“ Hinzu komme auch eine Art Gewöhnungseffekt, eine Abstumpfung durch emotionale Überforderung. Die Folgen sind, so die Expertin, fatal: „Eine ganze Gesellschaft wird roher und nimmt das Leid anderer Menschen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt als Übel wahr.“

Ebenso wurde dem Presserat ein Artikel des Nachrichtenmagazins „profil“ gemeldet: Es handelt sich um eine Reportage im Täterumfeld, bei der auch an der Wohnung des Amokläufers und seiner Familie geläutet wurde. „In der Konstellation haben wir das bisher noch nicht gehabt“, sagte Alexander Warzilek, Geschäftsführer des österreichischen Presserates, zur Austria Presse Agentur.
Anna Thalhammer, „profil“-Chefredakteurin, nahm gestern in den sozialen Medien Stellung: „Die Mutter war zufällig da. Wir finden einen Kontaktversuch ethisch vertretbar – vielleicht hätte sie was sagen wollen.“ Überdies sei niemand bedrängt worden.
Mittlerweile wird auch der Täter ohne Unkenntlichmachung gezeigt. Ein breites Feld zwischen Informationspflicht und einem Zuviel an Information hat sich aufgetan: Grundsätzlich gilt, dem Täter kein Gesicht zu geben. Die Gefahr besteht, dass „Menschen mit Gewalt-Problemen den Täter als Idol wahrnehmen und ihn vielleicht sogar imitieren wollen“, warnt Paganini, die von einem Dilemma der Berichterstattung spricht: Wenn man schon berichten muss, wie berichten, dass kein Nachahmungseffekt entsteht?
Längst ist Social Media zur Informationskonkurrenz klassischer Medien geworden. Inhalte, auch ungeprüfte, aber auch Desinformation, verbreiten sich rasant. „Zugleich wächst der Druck auf seriöse Medien, denn das Publikum erwartet sich vom Journalismus dieselbe Schnelligkeit, wie man von Social Media gewöhnt ist, was aber nur auf Kosten der Gründlichkeit der Recherche machbar ist“, erklärt die Medienethikerin von der Uni Innsbruck. Die Fake-News-Welle rollte auch nach dem Amoklauf in Graz innerhalb kürzester Zeit. Altes Bildmaterial und Videos, zum Teil auch durch eine kremlfreundliche russische Seite verbreitet, fluteten das Netz.



