Schau in der Albertina WienDer American Dream und seine Lücken

Sensationelle Ausstellung in der Wiener Albertina: „American Photography“ ist wie ein Roadtrip durchs Land und durch die Zeit – mit Stopps in Hotels, auf Gehsteigen und Rastplätzen.

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Joel Sternfeld: "Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September", 1982 © Albertina/Joel Sternfeld
 

Es sind geblitzte Momentaufnahmen von Bardamen, Herren der Upper Class, Immigrantinnen an der East Side und ein naher, voyeuristischer Blick auf Menschen und den Straßenalltag, mit dem Lisette Model in den 1940ern die Dokumentarfotografie revolutionierte. Die in Wien geborene und 1938 nach New York Emigrierte fotografierte die Menschen mit ihrer Plattenkamera von unten. Wenig schmeichelhaft, aber effektiv.

Richard Avedon war ihr Schüler und ist mit demaskierenden Arbeiten von Marilyn Monroe oder Charlie Chaplin vertreten. Diane Arbus ihre Schülerin. Sie lenkte den Fokus in augenzwinkernden, uneindeutigen Fotografien auf Außenseiter wie die berühmten eineiigen Zwillinge, eine Barfrau mit Souvenirhündchen und die „Psychologisierung des Porträts“, wie Kurator Walter Moser betonte.

Die Ausstellung „American Photography“ vermisst die USA mit 190 Arbeiten von 33 Künstlerinnen und Künstlern visuell. Die seit 1945 umfassendeste Schau dazu ist wie ein Roadtrip von den 1930ern bis zu den 2000ern: politisch, technisch und ästhetisch. Die Werke stammen aus der Fotosammlung der Albertina, Lücken schließt die Privatsammlung des Tech-Unternehmers, Trevor D. Traini, der bis vor kurzem als US-Botschafter in Wien fungierte.

Lisette Model, "Sängerin im Metropole Cafe, New York City", 1946 Foto © Albertina


Das Who-is-Who der US-Fotografie ist vertreten: Cindy Sherman, Robert Frank, William Eggleston, Nan Goldin udn Joel Sternfeld. Letzterer entzauberte einen Mythos: die Route 66. Seine Arbeiten zeigen Szenen abseits des US-Wirtschaftsbooms: Familien im Indian-Summer-Licht, die mit Hab und Gut übersiedeln oder zugedeckte Leichen.
Die Schau spart die Schattenseiten des American Dream nicht aus: den Ausverkauf der Landschaft, Obdachlosigkeit, Konsumwahnsinn oder auch Aids. Nan Goldin skizziert u.a. in einer eindringlichen Serie in Aufnahmen im Krankenbett den Verlust des Partners.

Nan Goldin, "Jimmy Paulette auf Davids Fahrrad", NYC, 1991 Foto © Albertina


Könnte Trevor D. Traini nur ein Bild seiner Sammlung aus dem Feuer retten, er würde sich für das rätselhafte „Greenwood, Mississippi“ von William Eggleston entscheiden, besser bekannt als „The Red Ceiling“, erklärte er. Zu sehen ist eine rote Zimmerdecke mit drei weißen Kabeln, einer Glühbirne und der Ausschnitt eines Kamasutra-Plakats. 1973 eine Provokation. Denn Farbfotografie war, so die Ansicht vieler, kein Fall für die Kunst. Was für ein kolossaler Irrtum.

Cindy Sherman "Untitled Film Still", 1980 Foto © Albertina

American Photography. Bis 28. November, Albertina Wien, Basteihalle. www.albertina.at

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