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Musikrückblick 2020Gangster-Blockbuster und Chanson-Electronic

Alles endet, aber nie die Musik. Zwölf Lieblings-Songs aus dem Jahr 2020. Mit u.a Fiona Apple, Haftbefehl und Motorpsycho.

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Fiona Apple
Fiona Apple: Ein abstraktes musikalisches Gemälde © (c) AP (Jack Plunkett)
 

Kvelertak - Crack of Doom

Es war das Jahr von Kvelertak. Die norwegische Rock-Band hat mit „Splid“ das mit Abstand beste Album 2020 abgeliefert. Ja, der Superlativ sei an dieser Stelle erlaubt.
Wie der Bandname (zu deutsch: Würgegriff), ist auch das Werk wirklich atemberaubend. Es ist ein nimmermüder, vielschichtiger Sog aus traditioneller Metal-Machart, erfrischenden Rock ’n’ Roll-Einflüssen und progressiven Punk-Bausteinen.
Wer jetzt denkt: „Schön und gut, aber härter als AC/DC muss es nicht sein“, dem sei gesagt: Kvelertak macht harte Gitarren-Musik, die nicht nur für Headbanger taugt. Das Album „Splid“ sollte in jeder ernstzunehmenden Platten-Sammlung zu finden sein.
 
Jedes Stück auf „Splid“ ist so gut, man möchte am liebsten weinen. Nach dem ersten Hördurchgang beschleicht einen das seltene und deshalb umso schönere Gefühl, dass ohne dieses 11-Songs lange Album nichts mehr Sinn ergeben würde.  
Ein weiterführender Tipp für Interessierte: Fast schon Kult sind die begleitenden Studio-Blogs der Band, die Einblick in den hochkreativen Aufnahme-Prozess geben. Darin lernt man zum Beispiel, dass eine Metalgitarre auch in Flamenco-Manier gespielt werden kann oder dass ein tragbarer Kinder-Verstärker, der in jeden Jausenrucksack passt, auch das Zeug für die große Bühne hat.


Fiona Apple - Shameika 

Ok, der Superlativ musste zwar gerade verwendet werden, trotzdem sollte damit achtsam umgegangen werden. Eh klar. Irgendwann gibt es keine Steigerung mehr.
Die nächste Künstlerin wurde für ihr Album vom renommierten „Pitchfork“-Magazin aber ganz schön über den Superlativ gehuldigt.
Nach 10 Jahren war die amerikanische Singer-Songwriterin Fiona Apple die erste Interpretin, der eine 10 Punkte Album-Bewertung zu Teil wurde.
In der Tat ist „Fetch the Bolt Cutters“ ein Album von sperriger Schönheit. Die Magie dieser bizarren Songwriter-Stücke ergibt sich erst nach mehreren Anläufen, verzaubert dann aber umso stärker. Es ist ein bisschen wie mit einem Pablo Picasso Gemälde. Es ist auf skurrile Weise genial, aber man weiß nicht ganz genau warum.
Insider-Tipp: Sogar der Meister himself, Bob Dylan, hat Fiona Apple für sein ebenfalls 2020 erschienenes Album ins Studio geholt. Zu hören ist Apple auf dem Song „Murder most foul“, wo sie das Klavier eingespielt hat. Die Huldigung von Bob Dylan überlässt der Autor dieser Zeilen aber den Kollegen älteren Semesters.


 
Charlie XCX - Forever 

2020 war ein starkes Jahr für den Pop. Taylor Swift, Miley Cyrus, Ariana Grande, Dua Lipa... Sie alle meldeten sich mit neuem Musik-Stoff zurück. Etwas unter dem Radar fliegt die Britin Charlie XCX. Dabei ist die 28-Jährige die tonangebende Instanz in Sachen Pop-Innovation, deren nimmermüde Schöpfungskraft viele in der Branche inspiriert. Die alienhafte Inszenierung, die Vermischung von Rap-Beats und Pop-Refrains, die konventionslosen und umso freieren Gesangsharmonien, die so angenehm spontan klingen. Das alles wäre ohne sie nicht möglich.

Cro - Fall Auf

Ein starkes Jahr hatte auch der deutsche Pop-Rap-Künstler Cro. Von seiner ausnahmslos freudentaumelnden Gute-Laune-Musik hat sich der Stuttgarter in den letzten Jahren ein Stück weit entfernt. Das soll jetzt nicht heißen, dass Musiker stets zu Tode betrübte Songs schreiben müssen, um in Jahresbesten-Listen vorzukommen. Aber die skeptischen Zwischentöne stehen Cro dennoch ausgezeichnet. Für den Song „Fall Auf“ hat der Rapper die verzerrte Emo-Gitarre für sich entdeckt. Das erinnert ein bisschen an die Pixies, geht in seiner modernen Interpretation aber dennoch ganz eigene Wege.


All diese Gewalt - Andere  

Dass die deutsche Sprache in kreative Seitengasse voller überraschender Konstruktionen und Song-Architektur führt, beweist auch das Musik-Projekt „All diese Gewalt“, hinter dem der „Die Nerven“-Gitarrist und Sänger Max Rieger steckt. Der 27-jährige kann getrost als nächstes German Wunderkind gehandelt werden. Das Album „Andere“ ist das vertone Nachwort einer seelischen Selbstvermessung. Der musikalische Ideenreichtum ist beindruckend, die Texte umso bedrückender. 


Sophia Kennedy - Orange Tic Tac 

Wo wir schon bei deutscher Musik-Baukunst sind: Da kam man in diesem Jahr nicht an Sophia Kennedy vorbei. Die amerikanische Wahl-Hamburgerin legte mit der Single „Orange Tic-Tac“ ein erfrischendes Stück Chanson-Elektronik vor. Im kommenden Jahr folgt hoffentlich das dazugehörige Album und weitere Tic Tac-Zuckerl.


Haftbefehl - Bolon 

Den lang-ersehnten Nachfolger des dunklen Gangster-Blockbuster-Albums „Russisch Roulette“ lieferte der Frankfurter Rapper „Haftbefehl“ in diesem Jahr mit seinem „Weißen Album“. Weiß ist in der Welt des Rappers jedoch nicht die Farbe der Unschuld, sondern die der pulverisierten Drogen. Wie Scorsese in seinem Filmen, führt der bürgerliche Aykut Anhan mit seiner Musik in die kriminelle Parallelgesellschaft Frankfurts, in der sich zwischen Wolkenkratzer-Schluchten gefährliche Abgründe auftun.


BLVTH - HAHA 

Schon klar, manche können Blut nicht sehen. Aber das Hören von „BLVTH“ (ausgesprochen Blut) ist jedem zumutbar. Ja, sogar dringend ans blutdurchströmte Herz zu legen. Auf seinem Debüt-Album „I love that i hate myself“ vermengt der Rapper und Produzent (u.a. Casper und Kummer) Grunge-Gitarren-Kaskaden mit innovativen Beat-Bauten, die nichts weniger wollen, als alles einzureißen. Entstanden ist das Album auf einem Laptop in BLVTHs Wohnung. Ob die nach diesem Album noch steht?

Tame Impala - Is it true

Es gibt dieses, vor allem in Kreisen von Musik-Journalisten totgeschwiegene Phänomen: Künstler und Bands, die vor Jahren noch als kreative Offenbarung gehandelt wurden, gelten, trotz ausgezeichneter Formkurve, auf einmal als uncool, ja uninteressant. Dieses Phänomen lässt sich auch bei Tame Impala beobachten.
Mit „The Slow Rush“ hat die Band um Mastermind Kevin Parker ein weiteres Glanzwerk psychedelischer Dream-Pop-Hymnen vorgelegt. Die Bass-Linien grooven kräftiger als je zuvor, an den Melodien und überlappenden Synthschichten kann man sich nicht satthören. Richtig gekümmert hat sich darum aber niemand in diesem Jahr. Zu unrecht!

Bombay Bicycle Club - Eat Sleep Wake (Nothing But You) 

Bombay Bicycle Club haben nach Jahren des völligen Rückzugs ein fulminantes Comeback hingelegt. Bereits beim ersten Durchzappen durch das Album „Everything else has gone wrong“ wird klar: Schief gegangen ist bei dieser Platte absolut gar nichts. Diese Indie-Kinder sind noch immer nicht erwachsen geworden. Gut so!
In einer Schulklasse wären die Briten das isolierte Hochbegabten-Grüppchen. Jedoch: Die Band lässt sich ihre Streber-Kompositionen nie anmerken und nerven damit nicht. Da will niemand angeben, die wollen nur spielen. Und das mit Herz und Hirn.


Motorpsycho - All is one 

Wie würden die Beatles 50 Jahre nach ihrer Auflösung klingen? Oder genauer gefragt: Wie würden die Beatles klingen, hätte es den behäbigen Stoner-Metal zu ihrer psychedelischen Schaffensperiode bereits gegeben? Die Antwort lautet: Vermutlich wie Motorpsycho. Die norwegische Band hat mit ihrem Album „All is yours“ ihr bisher rundestes Werk abgeliefert.
Was muss man da noch sagen? Nichts. Die Beatles waren die genialen Beatles, Stoner-Rock ist die musikalische Erhabenheit schlechthin. Folglich läuft hier alles am Schnürchen.


Biffy Clyro - Weird Leisure 

Die Edel-Berserker Biffy Clyro üben mit „A Celebration of Endings“ die künstlerische Manie.
Das Album des Dreiergespanns ist eine zu Musik gewordene bipolare Störung. Auf der einen Seite: schwer verdaubare Alibi-Pop-Harmonien für die Radiostationen der Insel. Auf der anderen Seite: erratisch-kreischendes Liedgut in der Tradition von Prog- und Math-Rock. Dazwischen: beigesteuerte orchestrale Streicheleinheiten wie im Song „The Champ“.
Dank Simon Neils unüblichen und grandiosen Gitarrenspiels wirkt selbst diese Rock-Anmaßung im Stile Queens weder großspurig noch fehl am Platz.
Trotz bizarrer, aber für Biffy-Fans bereits altbekannter Pop-Eskapaden, ist der Band mit „A Celebration of Endings“ ein explosives Feuerwerk gelungen, das in den Jahresbesten-Listen nicht fehlen darf.

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