Musik-Rückblick 2020Das definitive Dutzend (+1)

Mutige junge Frauen, die Neigung der österreichischen Szene zur Supergroup und Legenden, die sich erfolgreich gegen den Veteranen-Status wehren.

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Ist es ein Qualitätskriterium, wenn man Songs ihre Jahreszahl anhört? Oder ist es genau umgekehrt, und es geht stärker um den Anspruch auf Zeitlosigkeit? 

Mein leider längst verblichenes Lieblingsmagazin SPEX trug im Untertitel ein knappes „Musik zur Zeit“. Allein deshalb plädiere ich persönlich (mit ganz wenig Zweifel) für den aktuellen, zeitgemäßen Bezug – die Liste entsteht ja auch gerade jetzt, mehr oder weniger in Echtzeit. Und ob das selektierte Liedgut das Zeug zum Klassiker hat, werden die kommenden Jahre und Moden zeigen. 

Hier sind die Songs, die mich 2020 erwischt haben. Unabhängig davon, ob dieses Jahr eh ein gutes oder doch ein furchtbares war.

 

SHARKTANK – Washed Up

Getragen von einem raffinierten Drum-Sample, bei dem sich die österreichische Band mit Graz-Bezug (Rapper Mile) elegant im Fundus von James Brown und/oder der Incredible Bongo Band bedient hat.

Zitat: Woke up and felt beat down and tired – kommt jedoch gar nicht schläfrig daher.

 

KINDER – Waves

Das Video zum Stück zeigt drei Herren aus Wien in einem Hinterhof, die sich vor einem ausrangierten Rüsthaus-Tor (inklusive Lamborghini-Logo) geschmeidig zur federleichten Synthie-Melodie bewegen. Die Vocoder-Vocals scheinen unstimmig – der Schein trügt, mehrmaliger Genuss macht sicher. So wie Lamborghini trotz VW-Einverleibung immer noch nach Italien klingt.

 

KAMAUU – Rock Away

Ein Rapper aus NYC mit jeder Menge Soul, der mit seinen Falsett-Künsten den DooWop wiederbelebt. Ich weiß nicht, ob es an den Streichern und am warmen Keyboardsound liegt – aber so wirksam hat das Stilmittel der Pause schon lange keinen Track mehr geprägt.

 

LA PRIEST – Beginning

Dieser Hohepriester des psychedelischen Space-Pop hört auf den bürgerlichen Namen Samuel Eastgate und war früher Frontmann der zum Bombast tendierenden „Late of the Pier“. Die haben damals meinen Geschmack gar nicht getroffen, während er sich solo mit leicht verstimmten Gitarren, gemächlichem Blubber-Sound UND Falsett-Stimme (siehe oben) tief in meine Playlist gebohrt hat.

 

WESTERMAN – Waiting on design 

Leiernde Drehorgel zum Einstieg, viel Hall auf der Gitarre, wenige Akkorde am Klavier – und dann schon wieder auffälliger Falsettgesang. Ich dürfte heuer für dieses Stilmittel anfällig gewesen sein….

Unabhängig davon hat die US-Musikwebsite PITCHFORK die Musik des britischen Singer/Songwriters als „gnädigen Pop in einer gnadenlosen Welt“ beschrieben. Am Punkt!

 

HONEY HARPER – Tired Tower

Höchste Zeit, meiner verkappten Country-Leidenschaft zu frönen. Mit seinem Debütalbum „Starmaker“  legt der junge Mann bei mir den Chris-Isaak-Nerv frei, auf dem Plattencover lässt er die Sterne in seinem Gesicht funkeln. Der Legende nach war sein Vater Elvis-Imitator -beste Voraussetzungen für eine lange Karriere. 

 

FENNE LILY – I, Nietzsche 

Die Indie-Folk-Sängerin aus Bristol mit dem deutschen Philosophen im Songtitel – auch auf den zweiten Blick eine besondere Kombination. Offensichtlich naheliegend für eine Künstlerin, die mit Anfang 20 ihr zweites Album im Studio von Steve Albini aufnimmt. Stilistisch hat sie damit einen Riesenschritt in Richtung Dream-Pop gemacht. 

 

SLØTFACE - Stuff

Was für eine gewagte norwegische Mischung: einmal der wuchtige Punk-Einfluss ihrer Landsleute wie Turbonegro oder Motorpsycho und dann noch der Hang zum euphorischen, melodischen Refrain. Ein Schelm, wer an Aha denkt. Mitstampfen erlaubt.

 

SOPHIA – We See You (Taking Aim)

Endlich wieder Legendenalarm rund um Robin Proper-Sheppard (Ex-TheGodMachine) und sein Bandprojekt Sophia. Während es seit 1996 oft sehr beschaulich und trauirg zur Sache ging, klirren diesmal die Gitarren laut und tröstlich. Sie signalisieren ein Überwinden der gefährlichen Melancholie. 

 

CORIKY – Clean Kill

Die Steigerung von Legende muss nicht zwangsläufig Veteran sein. Ian MacKaye jedenfalls ist seit 1987 unterwegs, als er Dischord mitgegründet hat und als Sänger/Gitarrist von Fugazi einem höchst relevanten Act dieses stilbildenden Plattenlabels vorstand. Sein aktuelles Projekt ist wieder politisch, aber wesentlich akustischer als der von ihm praktizierte Punk der späten 80er.

 

SOCCER MOMMY – Drive

So ein wunderschöner Künstlername, außerdem beweist die junge Frau auch noch Stilsicherheit. Wer sich die Cars zum Covern herauspickt und dabei auch noch an Drive heranwagt, hat keine Berührungsängste mit dem Mainstream. Mutig.

 

SAULT – Hard Life

Das in seiner genauen Besetzung nicht bekannte britische Kollektiv stellt Rhythm & Blues in den Dienst von Black Lives Matters. Klingt (davon unabhängig) eindringlich, und zumindest der Neo-Souler Michael Kiwanuka gab sich als Immerwieder-Mitglied der „Band“ zu erkennen. 

 

5KHD  - Happy f***ing Life

Den Slogan für die Zeit bringt die österreichische Supergroup 5KHD rund um Mira Lu Kovacs. Eine unbeschwerte Melodie und eine unwiderstehliche Aufforderung. 2021 kann kommen!

 

Hier noch die komplette Playlist, viel Vergnügen. 

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