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Musikrückblick 2020Waldschratdisco und urbane Zentralheizungsgeräusche

Zwölf Lieblings-Songs aus dem Jahr 2020, einem bescheidenen Jahr mit viel Musik, die sich lautere Auftritte verdient hätte.

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Pantha du Prince feat. Jungstötter: Pius in Tacet 

Es ist der Soundtrack zum Waldbaden und eine der wenigen Konferenzen, die heuer nicht abgesagt werden mussten: "Conference of Trees" hat Pantha du Prince heuer sein sechstes Album bezeichnet. Weiterhin geht es um elektronische Musik, die gar nicht elektronisch ist, sondern ziemlich analog, wir hören die Wärme von selbstgebauten Instrumenten, Glocken, Klanghölzern und den furchtbar talentierten jungen deutschen Nachwuchs-Nick-Cave Jungstötter. Und sehen ein Video mit dem schrägsten Lokal seit der Star Wars Cantina. Willkommen in der Waldschratdisco, die wohl einzige, die heuer geöffnet bleiben durfte.

Destroyer: Cue Synthesizer

Vom "Analogisizer" zum Synthesizer und dem besten und am besten eingesetzten Gitarren-Riff des Jahres: Der Kanadier Destroyer, früher von den New Pornographers bekannt, spricht hier gar von seinem gewagtesten Stück - gemeint ist damit wohl etwas Komplexes, das mit der Auflösung von Song-Strukturen zu tun hat, im Ohr ist es aber ein ziemlich smoother und unwiderstehlich dahingroovender Track, der schon Monate vor Corona einen Trost für Reiselustige fand: "Been to America, been to Europe, it's the same shit".

Khruangbin: Pelota

Texanische Band, thailändischer Namen, Lied auf Spanisch über einen  japanischen Film. Alles klar? "Pelota" ist viel weniger psychedelisch, sondern ganz schön eingängig, fast könnte man den Song mit einem Sommerhit verwechseln. Was ihn ja irgendwie auch zu einem macht.

Sault: Wildfires

Das ist auch einmal etwas Neues: Sault sind eine anonyme Band - es gibt keine Namen, keine Fotos, keine Infotexte und natürlich auch keine Videos. Aber das, worum es geht, gibt es natürlich schon: Ziemlich großartigen Soul. Und eine große und wichtige Botschaft - Black Lives Matter. Das Album "Untitled (Black is)" wurde keinen Monat nach dem Mord an George Floyd veröffentlicht und beschäftigt sich mit der Aufarbeitung des Geschehens, die Musik wurde so augenblicklich zum Soundtrack der Bewegung. 

KAMAUU: Far Rockaway

Kamau Mbonisi Kwame Agyeman wurde mit einem Cover von Outkasts "Hey ya" bekannt und das verrät eh schon ein bisschen, wohin die Reise geht. Der Song "Far Rockaway" wird als "song about pain, acceptance, letting things go, and distant romance in a time of social distancing" beschrieben, was möglicherweise geschwindelt ist, weil es allzu schnell gegangen wäre, aber stört das irgendjemanden?

Lou Asril: Heaven

"I wanna get down with you, down to the devil / And I wanna get up, uh, up to heaven, heaven". Schon im Vorjahr hat der unfassbar talentierte junge Seitenstettener (!) mir mit "Divine Goldmine" einen Jahresohrwurm hineingepflanzt, heuer war es eine erste EP mit der Single "Heaven", die nochmal eins draufsetzt. Er sollte ein Superstar werden, bitte!

Michael Stipe & Big Red Machine: No Time For Love Like Now

Es liegt vielleicht daran, dass ich Michael Stipes Stimme schon viel zu lange nicht mehr gehört habe. Oder, dass dieses kleine, einfache Lied in dieses Jahr passt wie kaum ein anderes ("the lockdown memories can’t sustain this glistening hanging free fall"). Es handelt sich übrigens um ein gemeinsames Projekt vom R.E.M.-Sänger als Gastsänger gemeinsam mit Aaron Dessner (The National) und Justin Vernon (Bon Iver). 

Sarah Mary Chadwick: When will death come

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die Neuseeländerin Sarah Mary Chadwick hat eigentlich mit ihrem Vorjahresalbum ihr düsterstes Werk abgeliefert, in dem sie den Tod zweier Menschen aus ihrem direkten Umfeld verarbeitete. In "When will death come" geht es darum, dass sie noch nicht darüber hinweg ist - und trotzdem klingt der Song so kraftvoll und wunderschön wie es nur die Crooner längst vergangener Tage hinbekamen.

Lina_Raül Refree: Quando Eu Era Pequenina

Wo wir grade bei tiefem Schmerz sind, kommt das unwahrscheinliche Duo Lina und Raul Refree dran: Eine portugiesische Fado-Sängerin trifft auf die analogen Synthies und Soundflächen vom Produzenten von Rosalía und Lee Ranaldo, ehemals Sonic Youth.

Ghostpoet: I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

Postprogrockjazzambient sagt der Musikexpress dazu, Verfolgungswahn-TripHop der Standard. Genrebezeichnungen sind aber ohnehin vorbei, im Fall von Ghostpoet kann man sich auf etwas ziemlich Düsteres, Post-So-Einiges-vor-allem-aber-Postapokalyptisches mit einer großen Portion Spoken Word einigen.

Sleaford Mods (feat. Billy Nomates): Mork N Mindy

Für Anfang 2021 haben die Superbriten Sleaford Mods ein neues Album angekündigt, für den Singlevorboten haben sie sich mit der Newcomerin Billy Nomates zusammengetan, die schon einmal frisurentechnisch super zu ihnen passt. Noch besser ist nur die kolportierte bandeigene Beschreibung des neuen Tracks in Worten: "Geräusch der Zentralheizung und der sterbenden Gerüche des Sonntagsessens in einem Haus auf einem Anwesen im Jahr 1982". Da braucht man nicht mal überlegen zu versuchen, das besser zu formulieren.

Die Sterne: Wir kämen wieder vor

9. März 2020, ein knackevoller Saal in der Postgarage, eine Band, die direkt vor dem Publikum steht. Tanzen, singen statt Abstand messen. Zwei Tage vor der für die meisten sehr überraschenden Verkündung des ersten Lockdowns spielten die Sterne in Graz quasi das Abschiedskonzert für Livemusik 2020. Übrigens ein ziemlich tolles und würdiges. Und wer hätte gedacht, dass ein Text noch monatelang nachhallen wird: "Dann würden wir wieder Lieder singen, vielleicht auch noch feiern gehen ..."

 

Die erweiterte Playlist samt zwei Bonustracks gibt es auf Spotify:

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