Die Debatte ist nicht neu, aber ist wieder einmal neu entfacht. Häufig gibt es heute nach Opernpremieren heftige Missfallenskundgebungen und Regisseurinnen und Regisseure werden ausgebuht. Die Überzeugung, dass Opernregie eine Spielwiese für Selbstdarsteller geworden ist, die das Musiktheater dazu missbrauchen, sich selbst eine Bühne zu geben, so alt wie das Regietheater selbst, also gut 50 Jahre. Der Buh-Orkan gegen Valentin Schwarz und seine Lesart von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ hallt noch in den Köpfen nach. Und ein Ex-Opernmanager wie Ioan Holender wetterte kürzlich wieder gegen das Diktat der Regie.(Was wie ein Treppenwitz anmutet, weil das Regietheater gerade während Holenders Direktion auch in der Wiener Staatsoper Einzug gehalten hat.)

Der zentrale Vorwurf: Nicht mehr die Werke und deren Originalgestalt, nicht die ursprüngliche Handlung und der Gesang stünden im Zentrum, sondern die „Neudeutungen“ der Regie. Von Intendanten unterstützt und in Komplizenschaft mit Kritikern, die fast nur mehr übers Szenische schreiben, hätte sich das Regietheater zum Herrscher über die Oper aufgeschwungen.

Warum sind Inszenierungen so wichtig geworden? Eine erste mögliche Antwort ist die, dass Kunst – wie alle Dinge, die zum Leben gehören - immer und überall einem Wandel unterworfen ist. Kunst wandelt sich stetig, wie die letzten 2500 Jahre zeigen. Niemand malt heute mehr wie die Maler der Frührenaissance oder die Präraffaeliten des 19. Jahrhunderts, niemand schreibt mehr gestelzte Barockdramen, niemand macht mehr Stummfilme*, obwohl alle jene erwähnten Kunstwerke nicht nur auf der Höhe ihrer Zeit waren, sondern auch: große Kunst.

Kunst muss sich wandeln, wenn sie nicht sterben will. Hätten alle so weitergemalt wie Giotto di Bondone, die Malerei hätte keine Renaissance hervorgebracht und wäre gewiss nicht sofort, aber allmählich irrelevant geworden. Hätte man weiter nur Stücke in der Art von Pierre Corneille und Jean Racine geschrieben, das französische Theater wäre von der Bühne verschwunden. Ein Charles Chaplin wusste, dass die Zeit des Stummfilms vorbei war, und machte ab diesem Zeitpunkt Tonfilme. Es gehört zu den Prinzipien des Menschseins, das Bestehende verändern zu wollen. Große Künstlerinnen und Künstler waren fast immer Innovatoren, die bestehende Regeln umdeuteten oder gleich ganz über Bord warfen. Wobei man lange gedacht hat, solche Veränderungen seien zugleich Verbesserungen. Ein folgenreicher Irrtum, denn automatisch eine  Verbesserung sind sie nur in dem Sinne, in dem sie helfen, etwas lebendig zu halten.

Das Musiktheater ist ein Sonderfall. Oper war ab ihrer Erfindung zu Beginn des 16. Jahrhunderts 300 Jahre lang eine zeitaktuelle Kunst. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden ganz selbstverständlich stets die neuesten Stücke aufgeführt. Die Musik der Moderne radikalisierte sich ästhetisch nach 1900. Weil ein Großteil des Publikums mit der neuen, oft atonalen Musik nicht viel anfangen konnte, wurden Opernhäuser allmählich zu Museen, aus denen die neuen Werke nach und nach verschwanden. Würden heute in den Museen der Welt ausschließlich alte Werke hängen, es wäre seltsam, ja furchtbar. Aber genau das ist in den Opernhäusern bis zu einem gewissen Grad heute Realität. Die Vermutung liegt nahe, dass das Regietheater nun bloß die Reaktion darauf ist, ein Ventil, um diese Situation zu ändern. Weil es seit 1930 keine neuen Werke gibt, die sich durchsetzen (das breitenwirksame Musiktheater der Gegenwart ist das Musical), weil Oper begann, den Kontakt zur ästhetischen Gegenwart zu verlieren, weil sie sich nicht mehr wandelte, kam das Regietheater auf – ja es musste notgedrungen aufkommen. Es sorgte für den Anschluss ans Heute.

Ein Missverständnis in all diesen Diskussionen ist, dass nicht wenige Opernliebhaber denken, man müsste die Werke im „Original“ zeigen, also so „wie es sich der Komponist vorgestellt“ hat. Das Problem ist, man macht sich keine Vorstellung davon, was „original“ ist. Eine „klassische“ Verdi-Inszenierung aus den 1960ern hat theatralisch und musikalisch wenig mit dem gemeinsam, was Giuseppe Verdi knapp 100 Jahre vorher auf die Bühne gebracht hat. Selbst der Stil des Sprechtheaters hat sich zwischen 1910 und 1960 fundamental geändert. Was ältere Liebhaber vielleicht noch als „klassische“ und eben „originale“ Goethe- oder Schillerinszenierung empfunden haben, wäre für den Theatergeher von 1910 eine empörende sprachliche Verhunzung gewesen. Und vice versa: Zuseher der 1960-er hätten den alten Stil ein halbes Jahrhundert davor sehr wahrscheinlich als hoffnungslos antiquiert und lächerlich empfunden.

Auch der musikalische Stil ändert sich laufend: Viele würden heute eine Bach-Aufführung unter dem einst als unantastbare Instanz gefeierten Dirigent Karl Richter als fad empfinden. Viele Mozart-Aufführung aus der Nachkriegszeit klingen heute einfach altmodisch. Nicht schlecht oder gar falsch, aber irgendwie veraltet.

Die zweite Antwortmöglichkeit neben dem „Wandel“ ist die „Interpretation“. Musik und Bühnenwerke werden von Interpreten zum Leben erweckt. Die Entsprechung zu einem Gemälde von Da Vinci ist nicht eine Aufführung einer Oper, sondern die Partitur. Nur: Die schauen nur Spezialisten und Ausführende an. Und, wie Gustav Mahler wusste: „Das Wesentliche steht nicht in der Partitur.“ Musik, Musiktheater, Theater werden immer interpretiert und für den Augenblick neu erschaffen. Sie werden von Interpreten in Gegenwart verwandelt, weil diese Interpreten Menschen der Gegenwart sind. Das heißt, sie fügen den Werken unweigerlich etwas von ihrer Gegenwart hinzu. Einer der größten Musikologen überhaupt, Carl Dahlhaus, meinte, dass eine Opernaufführung drei Zeitebenen habe: Die Zeit, in der die Oper spielt. Die Zeit, in der sie komponiert worden ist. Die Zeit, in der sie aufgeführt wird. Diese Ebenen können sich aneinander reiben, ineinander verschlingen oder sich abstoßen. Übrigens einer der Gründe, warum Theater und Musiktheater so faszinierend sind.

Gemeinsam mit dem Bedürfnis nach Wechsel hat die Bedingung der Interpretation gerade im Sprech- und Musiktheater zu einem ästhetisch extremen Phänomen wie dem Regietheater geführt. Ob man das nun gut findet oder nicht, ist nebensächlich. Es ist eine Konsequenz, die sich aus den Eigenschaften der Kunst ergibt. Würden wir immer gleich weiter machen, wäre die Oper früher oder später zum Untergang verurteilt. Oder, um es mit dem berühmten Satz von Giuseppe Tomasi di Lampedusa zu sagen: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, muss sich alles ändern.“**

Wen das alles nicht überzeugt, sei daran erinnert, wie relativ Zuschreibungen wie „klassisch“, und „original“ sein können. Man könnte viele Beispiele anführen, aber eine legendäre Musiktheaterproduktion soll als Beleg dienen: 1976 inszenierte der Regisseur Patrice Chéreau den „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth. Seine Regie stieß auf intensive Ablehnung, es wurde versucht, die Aufführungen zu sabotieren, ja, es wurde sogar gerauft. Vier Jahre später war die Inszenierung Kult und wurde nach der letzten Aufführung mit 90-minütigem Jubel verabschiedet. Heute gilt diese Inszenierung als Bayreuth-Klassiker.