KritikTheater an der Wien: "Peter Grimes" als Kreislauf der Vernichtung

Wie man Außenseiter zur Strecke bringt, zeigt Christof Loy nun anhand von Brittens Oper „Peter Grimes“. Ein pessimistischer, gleichwohl eindringlicher Abend über das Leiden.

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Eric Cutler und Grigorij Puchalski in "Peter Grimes" © Rittershaus
 

Am Ende ist es wieder wie am Anfang. Der Mob holt Captain Balstrode aus dem Bett, das den ganzen Abend auf der Kante zum Orchestergraben gestanden ist. Er ist das nächste Opfer. Drei Stunden davor, am Anfang von Benjamin Brittens Oper, hatte man dort Peter Grimes aus dem Schlaf gerissen, um ihn den Prozess zu machen. Verurteilung gibt es zwar keine, dafür ist die Sachlage zu dünn, aber das Urteil der Dorfgemeinschaft über den unmöglichen Grimes ist längst gefällt. Der Hass auf den Outsider staut sich auf und knapp vor dem Ende, bevor Grimes in den Freitod geht, ist es soweit, und die Menge benennt ihre Vorhaben offen und ganz ohne Scham: „Wer sich abseits hält und uns verachtet, den werden wir vernichten.“

2015 war die Inszenierung Christof Loys bereits im Theater an der Wien zu sehen, dass sie bei einer Publikumsbefragung unter die Top 3 der mit dieser Saison zu Ende gehenden Intendanz Roland Geyers, gewählt worden ist, ist keine Überraschung.

In der 1945 in London uraufgeführten Oper vermengen sich die großen Themen der Moderne – die Isolation des Individuums, die Schrecken der Masse –mit ganz persönlichen psychologischen Motiven. Loys inszenatorische Argumentation, Peter Grimes Konflikte ganz konkret aus seiner Homosexualität zu erklären, ist schlagend. Diese Ebene, bei „Peter Grimes“ (wie in einigen anderen Opern Brittens) oft nur latent merkbar, wird hier sozusagen am Silbertablett serviert. Grimes ist der knorrige Fischer, unversöhnlich, eigenbrötlerisch, seine Sexualität ein Stigma, das ihn von der Gemeinschaft trennen muss. Denn diese ist alles andere als offen. Die Honoratioren sind wahre Plagegeister, dazu der unerträgliche religiöse Eiferer Boles, die immer als Zwillinge auftretenden, verschlagenen Nichten der Kneipenwirtin sowie eine als Mrs.-Marple-Verschnitt dahertrippelnde Hobbydetektivin – an dieser larvenhaften Gesellschaft und ihren moralischen Verkrustungen muss Grimes zu Grunde gehen.

Mit Eric Cutler steht ein starker, doch gebrochener Titelheld zur Verfügung. Von Selbstzweifeln geplagt, von Hass auf sich und andere getrieben, findet er keinen Platz in der Welt, ein Deformierter, wahrscheinlich ein übler Schläger – Cutler singt das mit ausdrucksstarkem Tenor, eine Stimme mit heldischen Anlagen, aber doch differenziert im Ausdruck. Mit Andrew Foster-Williams als Balstrode und Agneta Eichenholz als Ellen sind die beiden einzigen Freunde Grimes’ ebenso ausgezeichnet besetzt wie die zahlreichen Nebenfiguren. Gieorgij Puchalski als Lehrling John ist das Objekt und Opfer der Begierde, unsicher, verstört, erotisch.

Thomas Guggeis am Pult des RSO Wien meidet die Klippen und schroffen Schönheiten von Brittens Musik nicht: Das Meer darf rauschen, toben und die armen Seelen tanzen und irrlichtern in dieser ungemein plastischen Musik, die hier enorm kraftvoll, beinahe expressionistisch klingt.

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