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Kritik Theater an der WienHändel zum Wahnsinnigwerden

Ein kriegstraumatisierter Antiheld und ein Wohnblock aus Beton statt bukolischer Landschaften. Claus Guth klopft Händels „Orlando“ auf seine Gegenwartstauglichkeit ab.

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Zum Haareraufen: Orlando (Christoph Dumaux) steigert sich langsam in die Raserei © Monika Rittershaus
 

Die Geschichte vom „Rasenden Roland“, einem Ritter des Frankenreichs, der den Verstand verliert, war über Jahrhunderte eine der populärsten Fiktionen Europas. Anfang der 1730er-Jahre landete schließlich auch Georg Friedrich Händel bei diesem Sujet, von dessen spektakulärer theatralischer Ausgestaltung er sich Publikum und Einnahmen erhoffte. Aus heutiger Perspektive ist die Stoffwahl aus anderen Gründen ein Glücksfall: Die absurde Zauberoper um den liebeswahnsinnigen Orlando animierte Händel zu einer seiner farbigsten, formal kühnsten Schöpfungen. Das hört man auch im Theater an der Wien, wo Il Giardino Armonico aus einem wohlgefüllten Reservoir barocker Affekte und Effekte schöpfen kann. Dirigent Giovanni Antonini kostet die Kontraste mit feinem Klangsinn und Gestaltungslust aus.

Den Gegenpol zu dieser farbenreichen musikalischen Fabel mit ihren Zauberern und Rittern bildet Claus Guths Inszenierung. Die fünf Personen finden sich rund um einen Wohnblock aus Beton samt Imbissbude und Bushaltestelle wieder. Dort wohnt der traumatisierte Kriegsheld Orlando, dessen Macho-Fassade längst brüchig geworden ist. Der dünnhäutige Junkie lebt am Abgrund, bevor ihn die krankhaft gesteigerte Eifersucht endgültig hinabstößt.

In dieser unwirtlichen, von Palmen bewachsenen Betonlandschaft, die trotz dicker Mauern eher die Unbehaustheit ihrer Bewohner spiegelt, nahm Guth dafür die sozial prekären Milieus eines Landes im Süden als Inspiration. Es sind allesamt recht verlorene, isolierte Charaktere, die hier zu Händels Musik vor sich her leben. Die Imbissbudenkraft Dorinda, die überspannte Angelica, der als Doppelfigur aus Sandler und altem Kriegskamerad daherkommende Zoroastro und der Kontrahent wider Willen Medoro. Guth dröselt die umständliche Barockhandlung geschickt auf, sodass so etwas endlich einmal nachvollziehbar ist: eine Folge des Ansatzes, diese Leute als ganz heutig zu verstehen, mit „Orlando“ über emotionale Härtefälle einer beschädigten Gegenwart zu berichten.

Gesungen wird phantastisch, allen voran von Christophe Dumaux in der Titelrolle. Die aberwitzigen Koloraturen seiner Virtuosenpartie sind gleichsam die Startrampen in den Wahnsinn. Mit enormer Flexibilität singt Dumaux diese einst für Senesino, den Superstar unter den Kastraten, geschriebene Partie. Die weiteren Rollen sind emotional nicht so weit aufgespannt, doch die lyrischen Finessen einer Giulia Semenzato als Dorinda, die zwischen Emotion und Stilsicherheit perfekt dosierende Anna Prohaska als Angelica sowie der schönstimmige Counter von Raffaele Pe sorgen zu Recht für wahre Jubelstürme. Stimmlich und darstellerisch großartig: Florian Boesch, der dieses musikalische Menschentheater ohne Happy End komplett macht.

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