Grazer Oper/Premierenkritik"Figaro" mit Tohu und Wabohu

Dem deutschen Regisseur Maximilian von Mayenburg gelingt mit Mozarts "Le nozze di Figaro" mit kleinen Abstrichen ein praller, schlüssiger Abend. Musikalisch lässt die janusköpfige Komödie kaum Wünsche offen.

"Le nozze di Figaro" in der Inszenierung von Maximilian von Mayenburg © Photowerk/Werner Kmetitsch
 

Natürlich. „Le nozze di Figaro“ ist eine Opera buffa. Eine Komödie der Liebesirrungen und -wirrungen. Aber das 1786 im Burgtheater am Wiener Michaelerplatz uraufgeführte Werk Mozarts hat auch eine Kehrseite der Medaille. „Augenblicksweise tut der Abgrund Mensch sich auf, in den hinabzuschauen es einen Büchner schaudern wird“, schrieb Schriftsteller Julian Schutting einmal.

In diesen Abgrund hätte Maximilian von Mayenburg bei der Premiere am Donnerstagabend in der Grazer Oper zunächst ruhig tiefer hineinblicken und in dem ohnehin pointenreichen Libretto Da Pontes nach Beaumarchais ein paar vordergründige Gags wie Klogeräusche oder Motorsäge leicht weglassen können. Aber der junge Münchner Regisseur überzeugt mit stringenter Personenführung samt einer entzückenden „Marionettenszene“ und erzählt in den drei Stunden dann doch schlüssig davon, was auch Mozart zeigen wollte: Hier geht es nicht bloß um Amouröses, das Chaos auslöst, um Hormone versus Harmonie. Sondern auch um Sehnsüchte nach Aufstieg, um die Verquickung von Privatem und Politischem und um Spitzen gegen die Mächtigen, die sich nehmen, was (und wer) ihnen gefällt: Così fan tutte. So machen’s alle. Bis heute, wo die sexsüchtigen Grafen in Hollywood statt bei Sevilla residieren und Weinstein und nicht mehr Almaviva heißen.

Gefährliche Liebschaften also in Mozarts Vierakter, für den der Wiener Stephan Prattes eine wie von Playmobil gesponserte reinweiße Riesenburg auf die Bühne gestellt hat. Diese erweist sich als höchst wandelbare Spielfläche und wird – passend zu den Träumen und Enttäuschungen der Protagonisten – sogar zum Luftschloss und allmählich zur Ruine. In Gabriele Jaeneckes prächtigen, teils ironisch überhöhten historischen Kostümen lernt eine illustre Gesellschaft von Bauern, Dienern, Zofen, Ärzten, Musiklehrern und Adeligen die vermaledeiten Kumpel Tohu und Wabohu kennen, die sich aus Lügen, Intrigen, Verwechslungen und Verdächtigungen speisen.

Das Sängerensemble der Oper leistet fast durchwegs Hervorragendes. Zuvorderst das zentrale Paar: Der slowakische Bassbariton Peter Kellner, kürzlich von der Londoner Independent Opera mit dem Wigmore- Hall-Stipendium ausgezeichnet, gibt sängerisch wie schauspielerisch souverän den Figaro. Als Susanna, die er erst nach labyrinthischem Werben zur Hochzeit führen darf, lässt die Ukrainerin Tetiana Miyus ihren Sopran immer strahlender aufblühen. Die Russin Oksana Sekerina stellt mit ihrem wohlgerundeten Sopran die gedemütigte Gräfin Almaviva innig dar, als ihr Mann demonstriert der aus Bruck gebürtige Markus Butter mit seinem feinen Bariton überzeugend, wie schnell man vom triebgesteuerten Herren zum getriebenen Narren (gemacht) wird.

Marco Comin gelingt es am Pult zunächst nicht gleich, die weniger selbstbewusst als sonst agierenden Philharmoniker in Mozart’schen Schwung zu bringen. Und obwohl der 41-jährige Venezianer allmählich zu einer runden Interpretation findet, hätten ein paar aufführungspraktische Kanten und mehr Raffinesse nicht geschadet.

In Summe eine sehr pralle und stimmige Produktion, an deren Ende Regisseur Meyenburg noch einmal den revolutionären Gestus des scheinbar leichten Mozart hervorstreicht: Es muss nicht immer Liebe sein, um den Kopf zu verlieren. Eine Guillotine tut’s manchmal auch.

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