Film der Woche"Schachnovelle" nach Stefan Zweig: Die Leiden des Altadels

Regissuer Philipp Stölzl besorgte diese opulente, sehr freie Filmadaption von Stefan Zweigs „Schachnovelle“. In den Hauptrollen überzeugen Oliver Masucci und Birgit Minichmayr.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Oliver Masucci brilliert in der Verfilmung von Stefan Zweigs letztem Werk „Schachnovelle“ durch Regisseur Philipp Stölzl © Studiocanal/Julia Terjung
 

Weißt du, was ich glaube, Liebes? Solange wir tanzen, kann die Welt nicht untergehen.“ Der selbstverliebte Charmebolzen Dr. Bartok, der in einer Wiener Jugendstilvilla hofiert, soll sich irren in dieser Nacht vom 11. auf den 12. März 1938, beim sogenannten „Anschluss“ Österreichs. Als Notar verwaltet er mittels geheimer Konten das Geld des alten Adels – Panama Papers im vorigen Jahrtausend. Während er diese noch verbrennt, verhaftet ihn die Gestapo. Im Grand Hotel, mittlerweile Gestapo-Leitstelle, sollen die Zugänge zu den Konten mithilfe der perfiden Methode der weißen Folter aus ihm herausgepresst werden. Ohne Impuls von außen bleibt er sich selbst überlassen.

Das Buch „Schachnovelle“, das er in die Finger kriegt, rettet ihn. Mit Figuren aus Brotkrumen und auf den Badezimmer-Fliesen spielt er manisch die angeführten Partien durch. Regisseur Philipp Stölzl, der zuletzt das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ inszenierte und bei den Bregenzer Festspielen einen furios bildgewaltigen „Rigoletto“ kreierte, adaptierte Stefan Zweigs letzte und bekannteste Novelle für die Leinwand. Er verzichtet dabei auf die Figur des Ich-Erzählers, sondern fokussiert ganz auf Bartok, seinen psychischen Verfall und das lebenslange Trauma durch diese Haft.

Zweig hatte sein letztes und erfolgreichstes Werk, das er im Exil verfasste, 1942 einen Tag vor seinem Suizid an die Verlage verschickt. In aller Nüchternheit skizzierte er darin die erbarmungslose Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes und eine Zeitenwende. In der düsteren Filmversion wird diese eindringliche Schlichtheit der Beschreibungen visuell durch albtraumhafte Szenen des Wahns ersetzt.

Die Welt schwankt, die Bilder wackeln, die Überlebenden sind Gespenster ihrer Vergangenheit. Die Kamera (Thomas W. Kiennast) leuchtet die Leere und Beklemmung fantastisch aus und bleibt nah am Protagonisten, der zuckersüße Walzer-Sound von Ingo Ludwig Frenzel untermalt die Zeitrechnung vor dieser Nacht im an Rückblenden reichen Historiendrama.

kino.liebe - jeden Donnerstag neu

Alle Kinoneustarts, Festival-Notizen und Gewinnspiele: abonnieren Sie jetzt unseren Kino-Newsletter.

Oliver Masucci („Enfant Terrible“) brilliert als Arrogantler Bartok, der nach und nach verfällt, aber widerständig bleibt. Birgit Minichmayr („3 Tage in Quiberon“) wurde für ihr bravouröses Spiel als dessen Frau für den Deutschen Filmpreis nominiert. Auch das restliche Ensemble rund um Lukas Miko, Rolf Lassgård und Albert Schuch überzeugt mitsamt den feschen Schachszenen. Weniger Psychologisierung und mehr Kontext hätte dem opulenten Historiendrama aber nicht geschadet.

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.