Filmfestspiele Venedig"Captain Volkonogove Escaped": Ein reumütiger Stalinist am Lido

Kurz vor dem Finale in Venedig bietet der russische Wettbewerbsbeitrag des Regie-Duos Aleksey Chupov und Natasha Merkulova ein bisschen "Retro-Utopia".

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Der russische Beitrag im Rennen um den Goldenen Löwen behandelt die großen Säuberungen Stalins © PR Handout
 

Ein Wolf, der zum Gejagten wird. Das ist das Thema und der russische Name von “Kapitan Volkonogov Bezhal - Captain Volkonogov Escaped” des Regie-Duos Natasha Merkulova und Aleksey Chupov. Volkoganov ist ein Offizier der Staatssicherheit im Sowjet-Russland des Jahres 1938. Körperlich trainiert und seelisch abgestumpft, ist er doch intelligent genug, zu merken, dass es auch ihm an den Kragen geht. Es ist die Zeit der großen Säuberungen Stalins. Also flüchtet er - und der Film erzählt die Verfolgung dieses Antihelden. Was den russischen Beitrag im Wettbewerb von Venedig besonders macht, ist seine spezielle Tonlage. Das Regie-Paar, die mit ihrem letzten Film bereits in Venedig zu Gast waren, changieren zwischen fast comic-hafter Farce und metaphysischem Psychogramm. Denn ihr Protagonist bekommt es mit der Angst vor der Hölle zu tun und macht sich auf, die Angehörigen seiner Folter-Opfer um Vergebung zu bitten. Währenddessen wird er immer wieder von seinen Kollegen gejagt, in leicht Slapstick-haften Szenen. Das Design ist durchwegs übertrieben und dreckig, die glatzköpfigen Soldaten rennen in roten Trainingsanzügen durch die Stadt. Es ist ein St. Petersburg, das zugleich historisch und dystopisch ist.

Und auch die satirische Note erinnert an “1984”-artige Dystopien. Den Filmschaffenden war es wichtig, die Geschichte im spezifischen Zeitkontext von 1938  und der Sowjetunion zu belassen. Sie sprechen im Interview von “Retro-Utopia”. Auf aktuelle politische Analogien ließen sie sich unterdessen in der Sonne von Venedig nicht ein. Immerhin ist der Film von europäischen Geldgebern und dem russischen Kulturministerium mitfinanziert. Die Kritik an totalitärer Folter ist hier artifiziell genug, um nicht so einfach übertragbar zu sein auf reale autoritäre Regime. In seiner Innensicht des Totalitarimus erinnert der Film mitunter an die beißend-giftige englischsprachige Komödie “The Death of Stalin” (die jedoch in Russland verboten wurde). Komödie ist dieser Film dennoch keine.

Der junge Hauptdarsteller Yuriy Borisov macht seinen Captain zu einer glaubwürdigen Identifikationsfigur in der absurden Jagd nach Vergebung. Borisov ist in Venedig gleich auch noch mit einem zweiten Film präsent, “Mama, ya Doma” in der Reihe "Orizzonti Extra". Die beiden Filmemachenden von Captain Volkonogov loben ihn im gemeinsamen Interview außerordentlich und weisen auf seine drei weiteren aktuellen Filme beim heurigen Festival von Cannes und Locarno hin. Zusammen mit ihm arbeiten sie außerdem gerade an einer russischen Netflix-Produktion über Anna Karenina. 

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