Die Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe waren nicht nur wegweisend für das Genre der Horror- und Schauerliteratur, sondern ebneten dem berühmten Dichter zudem einen Dauerplatz in den Annalen der Popkultur. Neben unzähligen Adaptionen und Würdigungen diverser Werke wurde auch der Mythos rund um seine eigene exzentrische Persona bereits mehrfach erforscht – mal basierend auf wahren Fakten, mal frei erfunden. So trat er unter anderem im 2006 veröffentlichten Roman "The Pale Blue Eye" (hierzulande als "Der denkwürdige Fall des Mr. Poe" erschienen) als junger, wissbegieriger Kadett in Erscheinung. Das von Louis Bayard verfasste Buch wurde nun unter Regie von Scott Cooper zum atmosphärisch dichten Thriller verarbeitet.

Streng genommen handelt es hier in erster Instanz um ein Murder Mystery: Im verschneiten New York des frühen 19. Jahrhunderts wird der Körper eines Soldaten aufgefunden. Alle Zeichen deuten auf Selbstmord hin, doch dann nimmt die Untersuchung eine kuriose Wendung – am Morgen nach dem scheinbaren Suizid wurde dem leblosen Körper das Herz entnommen. Ein Fall für Detective Augustus Landor (Christian Bale). Der talentierte Ermittler nimmt die Geschehnisse genau unter die Lupe und öffnet unheimliche menschliche Abgründe. Ein junger Offizier namens Edgar Allan Poe, der noch lange vor seinem berüchtigten Autorendasein bereits eine Faszination fürs Morbide pflegt, steht Landor mit hilfreichen Tipps zur Seite.

Die Romanverfilmung kann mit einer fein aufgebauten, adäquat düsteren Atmosphäre aufwarten, die der stimmigen Gothik-Ästhetik zu verdanken ist. An den aufwendig gestalteten Sets, den prächtigen Kostümen und der winterlichen Tristesse kann man sich als Zuschauer kaum sattsehen. Bedauerlicherweise wird die Suspense jedoch nicht die ganze Laufzeit über konsequent aufrechterhalten. Gelegentlich verliert sich das über zwei Stunden lange Mysteryepos in repetitiven Durststrecken, die einen sauren Beigeschmack generieren, gerade im Mittelteil verliert der Film zunehmend seinen Fokus. Schade, denn die anfangs etablierte Dynamik zwischen Detektiv Landor und dem übergroß inszenierten Edgar Allan Poe bringt einen kauzigen Charme mit sich, der dem eines Holmes-Watson-Gespanns nicht unähnlich ist. Zumal der ehemalige "Harry Potter"-Star Harry Melling eine anfangs gewöhnungsbedürftige, im Endeffekt aber überaus imposante Darbietung gibt. Und diese macht den Film gerade für Liebhaber Poes und aufrüttelnder Schauergeschichten zumindest einen Rabenblick wert.