Egyd Gstättner denkt querDie Toten von Salzburg oder der Mörder ist der Tod

Egyd Gstättner über einen spannenden Kriminalfall rund um das Leben und Sterben des Jedermann.

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Lars Eidinger als "Jedermann" oder der Tote von Salzburg © Copyright Karl Schöndorfer TOPP
 

Unlängst wurde ich angefragt, ob ich mir vorstellen könne, eine Folge der Serie „Die Toten von Salzburg“ zu schreiben. Nun ja: In meinem Skript wäre das Mordopfer: Jedermann! Er bliebe nach der Vorstellung ganz einfach am Domplatz liegen und verbeugte sich demonstrativ nicht mehr vor all den Juwelen und Krawatten und Pinguinen und Pinguininnen. Die Festspielpräsidentin schaute ein wenig indigniert: Da wüsste man gleich, das ist kein Teil der Hypermegaüberdrüberneuinszenierung des neuen Hypermegaüberdrüberregiestars des alten melancholischen Hofmannsthal’schen Barockschwanks, sondern echt. Ein Mord, live und auf der Bühne, dennoch unbemerkt, gut getarnt durch das Sterben Jedermanns im Stück.
Der gute Gesell (Gerichtsmediziner) sagt nicht viel und will das Ergebnis der Obduktion abwarten. Mein Kommissar Sichalich, mit seiner Frau Mechthild zufällig unter den Gästen, assistiert dem mir vom Auftraggeber vorgeschriebenen Major Palfinger alias Florian Teichtmeister. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, vor allem wegen der vielen Verdächtigen: Zunächst einmal geraten alle früheren noch lebenden Jedermänner unter Verdacht. Motiv: Neid auf die sensationelle Presse und verletzte Eitelkeit.
Weiters: Der Mammon (ein berüchtigter Massenmörder, der seine Opfer gerne unter sich erstickt). Die Werke (es wäre nicht das erste Mal, dass ein Werk seinen Schöpfer vernichtet). Der Teufel („I bin da Teufel in da Höll’ und hol den Jedermann jetzt schnöll!“: quasi ein Geständnis). Dringend tatverdächtig vor allem: die Buhlschaft. Tatmotiv: Eifersucht auf die vielen Nebenbuhlschaften. So hat der Mord eine überraschend nachsichtige Presse: Endlich einmal ein Maskuzid! Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Nichts in meinem Skript ist, wie es scheint: Dem Zeitgeist entsprechend, und um ein Zeichen zu setzen, hat der Regiestar die Rolle der Buhlschaft mit einem Transgender besetzt, dagegen die Rolle Jedermanns (endlich, endlich!) mit einer Frau. So ist es genau genommen erst wieder ein Femizid.
„Femiwas?“, fragt Hofmannsthal Sichalich, als sie in dessen Traum aus dem Café Bazar treten und die Salzach entlang flanieren. Der bringt Sichalich auf die richtige Fährte: Der Mörder ist niemand Geringerer als – Überraschung! – der Tod. Er war zur Tatzeit am Tatort, hat kein Alibi, dafür ein starkes Motiv: Er will mit aller Gewalt der nächste Jedermann werden.

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