Nachtkritik Wiener Staatsoper"Entführung aus dem Serail": Sing, Konstanze, sing!

Die Wiener Staatsoper hat nach 15 Jahren Pause wieder eine „Entführung aus dem Serail“. Hans Neuenfels' Inszenierung des Mozart-Singspiels, die vor 22 Jahren neu war, erntete einen Orkan der Ablehnung.

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Belmonte und Pedrillo doppelt: Christin Natter (Schauspieler) und Daniel Behle mit Michael Laurenz (Sänger) und Ludwig Blochberger
© (c) Michael Poehn
 

Einwände seien gestattet: Warum sollte ein schwacher Text besser werden, wenn man ihn ohne Not (und Witz) ausbaut und von professionellen Schauspielern vortragen lässt? Die Verdoppelung der Sänger durch Schauspieler, mit deren Hilfe Neuenfels brio in die biedere Handlung bringen wollte, verlängert die Mühsal nur. Das turbulente Durcheinander von Original und Double auf der Bühne lenkt außerdem mehr von der Musik mehr ab, statt zu ihrer Deutung beizutragen. Am Ende des Abends fragt man sich trotzdem, wieso in Wien so ein Versuch in blökendem Geschrei untergehen muss.

Doch zunächst zum Erfreulichen, allen voran Lisette Oropesa. Die junge Amerikanerin singt zum ersten Mal im Haus am Ring und nahm es im Sturm. Ihre Konstanze, eine britische Gefangene im Morgenland, die mit unverhohlener Gewaltandrohung von ihrem Entführer zur Liebe genötigt werden soll, ist das Zentralgestirn des Abends. Ihr Sopran verströmt herzerwärmende Innigkeit und meistert auch die schwierigsten Klippen der Rolle. Oropesa gelingt es, die Künstlichkeit der Inszenierung immer wieder aufzubrechen und zu jener Schlichtheit zurückzufinden, die dem Stück eigen ist. "Sing, Konstanze, sing", ruft ihr Schauspieler-Double Oropesa einmal zu. Man kann es ihr nachfühlen.

Christian Schmidt hat für den Abend eine Bühne auf der Bühne bauen lassen, auf der Neuenfels die Geschichte des westlich-orientalischen Kulturkampfs ironisch zu brechen versucht. Janitscharen mit aufgespießten Kinderleichen und Christenköpfen singen hier ihre Huldigung an den Bassa Selim, ihren Herrn. Christian Nickel spielt den Türken, für den Mozart keine Musik erfunden hat. Sein Bassa ist kein aufgeklärter Brautwerber, sondern ein gewalttätiger Exhibitionist und Folterer, was im Übrigen der Text durchaus hergibt. Sein Verzicht auf Konstanze, schon im Original ein bisschen aufgesetzt, wird in Wien durch ein Mörike-Gedicht begründet, das der Bassa, nun im Frack, in seiner Garderobe gefunden haben will. Ob er es vortragen dürfe, fragt er und erntet ein schallendes „Nein“ von den Rängen. „Weils nicht dazugehört“, ergänzt der Rufer. „Kellernazi“ murmelt ein Sitznachbar.

Zurück zur Musik: Dass Regula Mühlemann die Koloraturen der Blonden mühelos in den Raum schleuderte, Daniel Behle kühl-kultiviert den Belmonte sang und Goran Juric einen derb-schlauen Osmin orgelte, ging fast unter in der unkultivierten Unmutskundgebung für den Regisseur. Dass Antonello Manacordas forciertes Dirigat, das zu mancher Unstimmigkeit zwischen Graben und Bühne führte, den Wutbürgern entkam, gehört zu den Ungerechtigkeiten des Abends.

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