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Markus Hinterhäuser"Unglück fühlt sich anders an"

Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele, zieht eine Zwischenbilanz: "Wir sind knapp davor, es geschafft zu haben".

Vorsichtig zuversichtlich: Intendant Markus Hinterhäuser (62) © APA/FRANZ NEUMAYR (FRANZ NEUMAYR)
 

Zwei Drittel der coronabedingt verkleinerten Salzburger Festspiele 2020 sind vorbei - und bisher ist alles gut gegangen. Nicht nur gesundheitlich, auch künstlerisch, wie die Kritiken für "Così fan tutte" und "Elektra" belegen. Im APA-Gespräch zieht Intendant Markus Hinterhäuser vor dem 100. Geburtstag der Festspiele, der am 22. August mit einem "Jedermann-Tag" begangen wird, Zwischenbilanz.

Herr Hinterhäuser, nach zwei Dritteln der Festspiele kann man sich Sie eigentlich nur als einen Intendant im Glück vorstellen?

Markus Hinterhäuser: Ich glaube, dass wir hier bei den Festspielen alle gemeinsam etwas geschaffen haben, womit vor wenigen Wochen wohl kaum jemand rechnen konnte: dass mit einem sehr durchdachten, klugen, trotzdem niemand überfordernden Sicherheitskonzept Musik, Theater, Konzerte, Oper, all diese wunderbaren Dinge wieder möglich sein können. Also Unglück fühlt sich definitiv anders an. Die Anspannung vor dem 1. August war schon sehr groß und auch die sechs Probenwochen davor waren eine ziemliche Herausforderung. Dann kam das Eröffnungswochenende, und das war tatsächlich ein kleines Wunder. Wer hätte sich denn vorstellen können, dass in Coronazeiten eine "Elektra", eine "Cosi" wieder möglich sein würde? Wer hätte sich vorstellen können, dass diese Zusammenkunft von Menschen wieder möglich sein würde? Was mich wirklich glücklich macht, ist auch das Verhalten des Publikums, das sehr diszipliniert und sehr bewusst unsere Sicherheitsmaßnahmen im Verlauf der Festspiele immer selbstverständlicher verinnerlicht hat. Auch allen unseren Künstlern habe ich wieder und wieder, fast mantra-artig gesagt: Wenn wir es schaffen, diesen Sommer so über die Bühne zu bringen, wie wir uns das vorstellen, dann schaffen wir es nur gemeinsam. Und wir haben es gemeinsam geschafft. Oder, präziser: Wir sind knapp davor, es geschafft zu haben. Wenn wir die nächsten zehn Tage so überstehen, wie wir die letzten Wochen überstanden haben, wird das Signal, das von Salzburg ausgeht, das stärkste, vitalste und wesentlichste sein, das man an die Welt senden kann. Und ich übertreibe nicht: An die Welt - denn wir sind unter weltweiter Beobachtung gestanden.

Anfangs hat es ja auch einige Kritik gegeben.

Hinterhäuser: Soll sein, dies sei jedem unbenommen. Aber über zwei Punkte sollte man sich sehr klar sein: Wir tun nur das, was uns erlaubt ist. Wir haben keine "Lex Salzburger Festspiele" erfunden. Und weiter: Wir freuen uns wirklich über jeden Besucher, aber es wird niemand gezwungen hierherzukommen. Niemand. Wir haben diese Sicherheitsmaßnahmen nach unzähligen Gesprächen mit Ministerien, mit den Gesundheitsbehörden, mit Ärzten und Virologen etabliert. Das Resultat dieser unzähligen Gespräche ist dieser Sommer - und der ist bis jetzt wirklich auf die wundervollste Weise aufgegangen.

Heuer gibt es bei den Festspielen keine Feste, keine Premierenfeiern, keine Adabei-Termine. Kommt diese Festspiel-Ausgabe mit ihrer Konzentration auf die Kunst Ihren Vorstellungen nicht ohnedies näher als die bisherigen?

Hinterhäuser: Es ist ein anderes Festspiel als die Festspiele, die wir gewohnt sind, und die wir auch mögen und lieben. Es ist eine deutlich stärkere Hinwendung des Publikums zur Kunst zu spüren, zu dem, was hier passiert. Man erlebt eine fast andachtsvolle Stille, es ist ein wirkliches Miteinander - und das ist für mich nicht nur eine interessante, es ist auch schöne Erfahrung. Wenn Corona mir zwei Dinge" geschenkt" hat, dann ist es zum einen das Gefühl einer Gemeinschaft, die mit der größten Hingabe zuhört und zusieht. Und das andere Geschenk war, dass diese fantastischen jungen Sänger der "Così fan tutte" alle frei und glücklich waren, nach Salzburg zu kommen und mit der größten Freude, Entspanntheit und Disziplin geprobt haben.

Zeigt diese "Così", dass man nicht immer endlos lange Vorlaufzeiten braucht, sondern auch kurz entschlossen Dinge realisieren kann?

Hinterhäuser: Es wäre schön, wenn man daraus diesen Schluss ziehen könnte. Ich habe aber nicht ganz unberechtigte Zweifel, ob der Betrieb, das System da "mitspielt". Bei der Planung von Opern gibt es Vorläufe, die manchmal sehr lang und manchmal durchaus beschwerlich sein können. Was uns mit der "Così" gelungen ist, als eine Art perspektivischer Möglichkeit zu sehen, diesen Optimismus habe ich nicht. Aber die Entstehung der "Così" war für mich eine der interessantesten, faszinierendsten und inspirierendsten Momente, seit ich Intendant bin. Ich habe ein paar Tage nachgedacht, und dann hat die Realisierung der "Così" nicht einmal eine Woche in Anspruch genommen.

Man hat dabei die Partitur relativ stark gekürzt - ein Modell für die Zukunft?

Hinterhäuser: Als ein Modell für die Zukunft möchte ich das nicht sehen. Mit diesem Gedanken habe ich keine große Freude. Aber coronabedingt mussten wir jetzt eine Fassung der "Così" herstellen, die es uns überhaupt möglich machte, sie ohne Pause spielen zu können. Ist das ein Sakrileg? Nein. Mozart wäre bestimmt der Erste gewesen, der frei und undogmatisch mit einer ähnlichen Situation umgegangen wäre. Der "Eingriff" in die "Così" ist auf eine sehr sensible, sehr kluge und dem Stück sehr gerechte Art und Weise erfolgt.

Gibt es Dinge und Erkenntnisse, die Sie aus der heurigen Saison mitnehmen werden?

Hinterhäuser: Es wird Erkenntnisse geben, aber allzu schnelle Schlüsse möchte ich nicht ziehen. Jeder Salzburger Sommer ist anstrengend, aber dieser war besonders anstrengend. Ich muss ein wenig Abstand gewinnen um zu sehen, welche Konsequenzen er zeitigt. Aber schon jetzt wurde ganz deutlich, welch übergroße Sehnsucht nach Kunst, nach Kultur besteht. Wir dürfen nicht achselzuckend akzeptieren, dass Schulen geschlossen werden, Universitäten geschlossen werden und die Kulturinstitutionen ihrer Daseinsberechtigung beraubt werden. Was einmal verloren ist, wird für immer verloren sein.

Morgen, Samstag, feiern die Festspiele ihren 100. Geburtstag. Wie wird das gefeiert werden können?

Hinterhäuser: Die Planung hat sich durch die Corona-Pandemie deutlich verändert. Wir hatten sehr viel vor an diesem Tag, und von diesen großen Vorhaben können wir nur einen relativ überschaubaren Teil umsetzen. Wir werden es trotzdem schaffen klarzumachen, dass es hier einen sehr besonderen Tag zu bedenken gibt - so wie wir es in den letzten Wochen klargemacht haben, was 100 Jahre Salzburger Festspiele bedeuten. 100 Jahre Salzburger Festspiele sind 100 Jahre europäische Kulturgeschichte. Zum 22. August: Elisabeth Orth wird eine große literarische Rede über das Jahrhundert halten, es wird der "Sommernachtstraum" von Reinhardt in der Felsenreitschule gezeigt. Jedermänner der letzten Dekaden werden an verschieden Orten der Stadt Lesungen gestalten, der Jedermann-Text in einer schönen, kleinen Sonderausgabe wird als Geschenk in der Stadt verteilt.

Die Festspiele betonen immer wieder, das 100-Jahr-Jubiläum werde ins nächste Jahr weitergezogen. Wie wird das ausschauen?

Hinterhäuser: Mir ist schon relativ klar, was wir machen können, allerdings nicht, in welchem Umfang. Wir können alle nicht in eine Glaskugel schauen, wir wissen nicht, wie sich die Corona-Situation entwickelt. Ich bin relativ optimistisch, dass wir nächstes Jahr in eine Art von gewohntem Betrieb umschalten können, aber das Problem ist, dass wir die Entscheidungen jetzt zu treffen haben: Volles Programm, reduziertes Programm, volles Programm mit reduziertem Zuschaueranteil, halbes Programm mit reduziertem Zuschaueranteil? Das sind Entscheidungen, die nicht nur extrem schwer zu treffen sind, sie haben auch perspektivisches Gewicht. Die Entwicklungen der kommenden Wochen werden entscheidend sein. Wir arbeiten an verschiedenen Szenarien. Vieles von dem ursprünglich für den heurigen Sommer Geplanten werden wir in das nächste Jahr transferieren. Das ist auch eine Frage des Respekts den Künstlern gegenüber. Der "Don Giovanni" wird stattfinden, ebenso "Intolleranza" von Luigi Nono. Ich würde sehr gerne mehr Menschen die Möglichkeit geben, unsere zauberhafte Produktion der "Cosi" zu sehen, ebenso geht es mir mit der "Elektra". Auch da gab es coronabedingt weniger Publikum, als es diese fantastische Aufführung verdient.

www.salzburgerfestspiele.at

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