Da war er wieder tot. Jedermann und jederzeit, oder immerhin in jedem Salzburger Sommer und das beinahe durchgehend seit dem Jahr 1920. Mit knapp sechsminütigem Applaus und vereinzelten stehenden Ovationen endete Tobias Morettis letzte Premiere in der Titelrolle des Urstücks der Salzburger Festspiele.

Das Ende des sterbenden Mannes ging einher mit einem Gefühl des Aufbruchs: das Theater und sein Publikum kehrten feierlich auf den Domplatz zurück. Alles war für das Fest angerichtet, als fünf Minuten vor dem Start den dunklen Regenwolken und dem aufziehenden Sturm Tribut gezollt und der wetterbedingte Umzug ins Festspielhaus verkündet werden musste. Eilends zog der Tross mitsamt Requisiten, Kleidern und Schauspielern sowie der Hundertschaften an Publikum, um. Mir 35-minütiger Verspätung konnte der "Jedermann" dann doch beginnen. Die Fernsehzuschauer mögen davon wenig mitbekommen haben: Sie sahen die Generalprobe vom Vortag, aufgenommen am Domplatz.

Mann des Jähzorns

Was Moretti mit seiner - holpriger Deklamationen bereinigter - "Jedermann"-Fassung vor drei Jahren als nachdenklicher, fragiler Jedermann begann, wuchs er zum selbstgewissen Businessmann aus. In seiner Abschiedssaison gibt er der Titelrolle des armen Reichen noch einmal einen Dreh, lässt den Todesgewissen mit Jähzorn in die Läuterung taumeln, abgeworfen nicht nur vom Mammon, sondern auch von seinen Weggefährten und der idealisierten Weiblichkeit. Moretti spielt diesen „prächtigen Schwelger und Weinzecher“, diesen „Buhl, Verführer und Ehebrecher“, wie es bei Hofmannsthal im Original heißt, mit hoher Intensität, aber feinem Gespür für die inneren Kämpfe des sterbenden Mannes. Stets ernsthaft und kräftig im Ton, ja, aber zugleich nahbar vertraut bleibt Moretti.

Die neue Buhlschaft Caroline Peters legte die Nachfolge Valery Tscheplanowas wiederum mit einiger Raffinesse an. Und Raffinesse braucht es neben Glitzerkleidern, um der Minirolle Prominenz zu geben. Peters folgt dem selbstbewussten Rollenverständnis ihrer Vorgängerinnen, spielt mit der Wucht ihrer Präsenz und bildet, anders als manche vor ihr, gemeinsam mit Moretti ein überzeugendes Paar, das harmoniert. Nicht auf Schmeichelei, nicht auf Unterwürfigkeit legt es Peters an: Die Buhlerei ist bei ihr eine, die den Mann zum Anlass nimmt. Ihr "Happy Birthday my Jedermann" in Marilyn-Monroe-Pose singt sie mit schräger Hingabe und sorgt so für einen der wenigen Schmunzler des Abends.

Es mag an der hektischen und spontanen Flucht vor dem Regenschauer gelegen sein, dass es eine Weile dauerte, bis auf der Festspielbühne die Spannung auf Betriebshöhe ankam. Zweifellos seinen Beitrag für Spannung leistete der als Tod geübte Peter Lohmeyer, diese Idealbesetzung eines zeitgemäßen Schnitters, der seiner Rolle  stöckelschuhtragende Würde verleiht. Sein Verhandeln mit dem Jedermann zählt ebenso zu den Höhepunkten wie die Fragilität, die Mavie Hörbiger in die Figur der Werke legt. Der Witz bleibt schlüssigerweise die Aufgabe des Teufels: „Ist einer redlich, treu und klug, ihn meistern Arglist und Betrug“, sagte Teufel Gregor Bloéb, bevor er klein bei- und den Geläuterten aufgibt, während er seinen Teufelsschwanz beidseitig führt und sich seiner schließlich entledigt. Ja, so ein Abgang darf auch Freude bereiten. Tod hin, Teufel her. 

Zurück in die Gegenwart

Die morbide Lust dem Sterben des reichen Mannes zuzusehen, nutzt sich an dem „Kunstgewerbe minderer Güte“ (Hans Weigel) nicht ab, das Stück hat auch 100 Jahre nach seiner Festspiel-Begründung eine Geschichte zu erzählen, die dem Menschen nahe bleibt. Auch hundertfach aufgewärmt verliert dieses ach gar fromme Volkstheater  nicht seinen Kern. Das gelingt, insbesondere weil Regisseur Michael Sturminger und Moretti alchemistisch nach einer Essenz des Stückes in der Gegenwart suchten. Dennoch zeigt die Inszenierung in ihrer Konventionalität Ermüdungserscheinungen. Bleibt abzuwarten, ob nach Morettis Abgang eine frische(ere) Inszenierung folgt.

Michael Sturminger hatte im Vorhinein erklärt, das Stück solle heuer das Publikum vergessen lassen, wie schwer diese Zeit gerade ist. Auf jeden Hinweis auf Covid-19 wurde verzichtet.

Große Maskendisziplin

Ausverkauft und doch (coronabedingt) lückenhaft, so präsentierte sich der Zuschauerraum im Festspielhaus. Mit bemerkenswerter Disziplin hielt sich das Publikum an das Sicherheitskonzept, das ein Tragen des Mund-Nasen-Schutzes bis zum Sitzplatz vorsieht.