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APA-Serie 100 Jahre Salzburger FestspieleEin bewegtes Jahrhundert

Die Festspielgeschichte war immer wieder auch ein Spiegel der Weltgeschichte: Über Wirtschaftskrise und Flüchtlingskrise, Weltkrieg und Kalter Krieg, Tausend-Mark-Sperre und Auftrittsverbote.

Im Mozartjahr 2006, anlässlich des 250. Geburtstags des Genius Loci, setzte Festspielleiter Peter Ruzicka alle 22 Mozart-Opern aufs Programm. © APA/BARBARA GINDL
 

Börsencrash, Hitler-Einmarsch, Coronakrise - die Salzburger Festspiele haben seit 1920 Einiges gesehen. Doch wie ein wuchtiger Dampfer hat sich das Festival fast nie vom Kurs abbringen lassen. Die drohende coronabedingte Absage der Jubiläumsspiele 2020 wäre erst der dritte Ausfall in der Festspielgeschichte.

Auch die Salzburger Landesausstellung "Großes Welttheater - 100 Jahre Salzburger Festspiele" stellt das Festival in einen großen Bezugsrahmen: "Wir wollen zeigen, wie dieser Mikrokosmos Festspiele eigentlich diesen Makrokosmos Weltgeschichte im Kleinen widerspiegelt", formuliert es Margarethe Lasinger, Chefdramaturgin der Festspiele und Kuratorin der Schau, deren Eröffnung noch aussteht. "Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sich diese Kontinuitäten und Brüche eins zu eins in der Festspielgeschichte ablesen lassen."

Schon vier Jahre nach der Geburtsstunde am 22. August 1920 blieb der Domplatz wieder leer. Die Weltwirtschaftskrise, die ihren Höhepunkt im Börsencrash 1929 hatte, zwang das Festival, das sich da schon der Triade von Theater, Oper und Konzert verschrieben hatte, noch in den Kinderschuhen in die Knie. Dabei war die Aufführung vom "Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes" von Hugo von Hofmannsthal unter der Regie von Max Reinhardt im Premierenjahr ein voller Erfolg gewesen. Im Gegensatz zur wenig gemochten Uraufführung 1911 in Berlin avancierte das Stück vor der kultträchtigen Kulisse des Salzburger Doms, mit den damaligen Stars Alexander Moissi als Jedermann und seiner Frau Johanna Terwin als Buhlschaft schnell zur Attraktion.

Zur finanziellen Not kam 1924 der Widerstand der Salzburger Bevölkerung hinzu, der in ein Nutzungsverbot der Kollegienkirche mündete. Einige Schauspieler aus dem Ensemble waren in Amerika unabkömmlich. Diese Zerwürfnisse führten neben der Absage der Festspiele auch zum Rücktritt von Komponist und Festspielpräsident Richard Strauss, der neben Gründervätern Hofmannsthal und Reinhardt der ursprünglich Dritte im Bunde.

Mit der Einrichtung eines "Fonds zur Förderung des Fremdenverkehrs im Land Salzburg" wurden die Festspiele 1926 wirtschaftlich abgesichert. Im selben Jahr kam die Felsenreitschule als Spielstätte hinzu, an einem eigenen Festspielhaus wurde da schon gebaut. Durch die Gründung der Radio Verkehrs AG (RAVAG) konnte man die Festspiele nun auch im Radio mitverfolgen.

1933 folgte der nächste Rückschlag. Adolf Hitler wurde deutscher Reichskanzler und verhängte die Tausend-Mark-Sperre gegen Österreich. Dadurch verringerte sich das deutsche Publikum bei den Festspielen von rund 13.000 auf knapp 900 Besucher, deutsche Schauspieler waren zur Absage gezwungen. Es war das Jahr von Max Reinhardts legendärer "Faust"-Inszenierung vor Clemens Holzmeisters spektakulärer Kulisse in der Felsenreitschule. Im selben Jahr gab Herbert von Karajan sein Debüt als Dirigent der Bühnenmusik.

Auf den Einmarsch der Hitler-Truppen in Österreich und den "Anschluss" an Deutschland 1938 folgten Auftrittsverbote für jüdische Künstler. Der seit 1926 zur DNA der Festspiele gehörende "Jedermann" wurde ebenso abgesetzt, wie die "Faust"-Inszenierung in der Felsenreitschule. Der populäre Dirigent Arturo Toscanini verweigerte die Teilnahme, Festspielpräsident Heinrich Baron Puthon wurde seines Amtes enthoben.

1944 kam es zur zweiten Absage in der Geschichte der Festspiele. Nach dem gescheiterten Bombenattentat auf Adolf Hitler sagte Joseph Goebbels die Festspiele komplett ab. Einzig die Generalprobe zur geplanten Uraufführung von Richard Strauss' neuester Oper "Die Liebe der Danae" durfte stattfinden. Richard Strauss, der anlässlich seines 80. Geburtstages mit dieser Premiere geehrt werden sollte, soll sich danach tief gerührt an die Musiker der Wiener Philharmoniker gewandt haben: "Ich hoffe, wir werden einander in einer besseren Welt wiedersehen."

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Salzburger Festspiele unter US-Protektorat in ihrer ursprünglichen Form wiederbelebt. Die unter dem zurückgekehrten Festspielpräsidenten Heinrich Puthon stattfindenden Spiele wurden via Rundfunk auch in Amerika übertragen. Der Aufbruch in die Moderne mit Künstlern wie Frank Martin, Carl Orff oder Gottfried von Einem konnte beginnen. Doch auch die kommenden Jahre gingen nicht reibungslos über die Bühne. Als Gottfried von Einem 1951 Bertolt Brecht mit einem Stück zu dem Titel "Totentanz", das den "Jedermann" ersetzen sollte, beauftragt, kommt es zum Skandal. Brecht, der kurz zuvor seinen Hauptwohnsitz nach Ostberlin verlegt hatte, erhitzte die Gemüter. "Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges fassen die Salzburger diese Entscheidung als eine Art Hochverrat auf", dokumentiert das Online-Archiv der Salzburger Festspiele die Reaktion auf von Einems Einladung. Brecht sollte das Stück nie zu Ende bringen. Gottfried von Einem wurde aus dem Direktorium gefeuert.

Die 50er-Jahre wiesen den Weg in die Moderne. Im Jahr des Staatsvertrages und der Unabhängigkeitserklärung Österreichs gab es 1955 die erste heimische Fernsehsendung , und schon drei Jahre später wurde erstmals der "Jedermann" im Fernsehen übertragen. In dieser zukunftsweisenden Zeit trat das Festival in die "Karajan-Ära" über. 1957 wurde Dirigent Herbert von Karajan künstlerischer Leiter, ab 1964 Teil des Direktoriums der Festspiele. Er holte die Weltstars nach Salzburg und gründete unter anderem die Oster- und Pfingstfestspiele. Sein Name ist untrennbar mit den Salzburger Festspielen verbunden. Bis zu seinem Tod, im Jahr des Mauerfalls 1989, wird er als "Alleinherrscher" die Fäden ziehen.

Wenn auch so manch historisches Ereignis, wie etwa die Studentenproteste der 68er-Bewegung, scheinbar spurlos an den Salzburger Festspielbühnen vorüberzog, holten die 1964 eingeführten Eröffnungsfestreden zeitgenössischer Intellektueller das Weltgeschehen ins Salzburger Rampenlicht. Ein Jahr nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" hielt 1990 der tschechische Autor und frühere Dissident Vaclav Havel, seit einem halben Jahr Präsident der tschechoslowakischen Republik, die Eröffnungsrede. Er plädierte für ein "neues europäisches Selbstbewusstseins derjenigen, die keine Angst haben, über den Horizont ihres persönlichen oder Gruppeninteresses und über den Horizont dieses Augenblicks hinauszuschauen."

Im Jahr der Flüchtlingskrise 2015 rief der damalige Bundespräsident Heinz Fischer zur Hilfe für Menschen in Not auf. Und als 2018 Greta Thunberg auf der Bildfläche erschien und die "Fridays for Future" Protestbewegung ins Leben rief, setzte Peter Sellars in seiner Festrede einen eindringlichen Appell für Umweltschutz. Als Regisseur der Eröffnungsoper "Idomeneo" verglich er Mozarts Oper über das Meer und einen Vater, der seinen Sohn opfern soll, mit der Gesellschaft, die auf Kosten der nächsten Generation die Umwelt zerstöre.

In seiner Festspielprogrammatik von 1919 schrieb Hugo von Hofmannsthal, die Festspiele sollen "Oper, Konzert und Theater, von allem das Höchste" auf die Bühne bringen. Eines der "höchsten", ein Rekordjahr, sollte das Mozartjahr 2006 werden. Anlässlich des 250. Geburtstags des Genius Loci setzte Festspielleiter Peter Ruzicka alle 22 Mozart-Opern aufs Programm. Nie zuvor gab es mehr Aufführungen, Produktionen und Besucher in Salzburg. Die Einnahmen waren die höchsten in der bisherigen Geschichte der Festspiele.

Mit Helga Rabl-Stadler haben die Festspiele seit 1995 ihre erste weibliche Festspielpräsidentin. Ihr Vertrag geht bis Ende dieses Jahres. Wie es dann weitergehen wird, ob und in welcher Form die Festspiele ihr 100-Jahr Jubiläum begehen werden, ist derzeit noch unklar. Sicher ist, die Festspiele wurden und werden weiterhin von der Geschichte bewegt, und sie werden sich weiter nicht vom Kurs abbringen lassen.

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